Marie Loth
Trust in Elements
Der Quell (Band 1)
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
durchgehend spannend und fesselnd
Idee & Originalität:
larp-basierter Background
Cover & Aufmachung:
liebevoll selbst gezeichnet
Charaktere & Entwicklung:
oh … ja … da passiert viel
Schreibstil & Sprache:
handwerklich top, klar, zugänglich, atmosphärisch
Gesamtbewertung:
Als ich „Trust in Elements: Der Quell“ gelesen habe, war ich sofort gefangen – nicht nur wegen des wunderschönen, selbst gezeichneten Covers (Marie Loth kann wirklich beides: schreiben und zeichnen, riesiger Respekt!), sondern vor allem wegen der intensiven, rohen Emotionen, die das Buch von der ersten Seite an transportiert. Das Buch ist der Auftakt einer Trilogie, die in der detailliert ausgebauten LARP-Welt Sydlehen spielt – einem jungen Fürstentum voller politischer Intrigen, elementarer Religion und dunkler Bedrohungen. Ich hatte mir vorher die Background-Infos auf suedlande.de angeschaut, aber ehrlich: Man braucht sie gar nicht. Marie Loth baut die Welt so liebevoll und schichtweise auf, dass alles organisch und greifbar wird.
Das Buch ist emotional hart, atmosphärisch dicht und thematisch tiefgründig: Es geht um Vertrauen – oder besser gesagt: um den totalen Mangel daran –, um Trauer, (wie ich finde) Manipulation, institutionelle Macht und die Frage, ob Götter und ihre Vertreter wirklich das Wohl ihrer „Erwählten“ im Sinn haben. Für Fans von düsterer Coming-of-Age-Fantasy mit gewissen Sekten-Vibes ist das hier Gold wert.
Für mich ein absoluter Pluspunkt, dass das Buch mal nicht mit dem klassischen „ab 14-Vibe“ beworben wird, sondern auch bei Amazon die Altersempfehlung ab 16 zu finden ist. Wir haben hier auch ausnahmsweise ein Buch, das ohne spice-Elemente auskommt, den Leser dafür aber emotional in wirklich tiefe Abgründe mitnimmt.
Spoilerfreie Handlung
Maryella, genannt Ella, ist 17 Jahre und kommt aus eher ärmlichen Verhältnissen. Zusammen mit ihren Eltern und der drei Jahre älteren Schwester Adriana flieht sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Sydlehen – einer ehemaligen Kolonie von Greiffenfels, die nach einem Erbfolgekrieg zwischen Fürstin Lucretia und ihrem Bruder Tristan gerade erst zur Ruhe kommt. Sydlehen ist jung, ambitioniert und leider nicht ganz das gelobte Land, dass sich die Flüchtigen erhofft haben.
Die Familie landet in einer provisorischen Unterkunft, sucht Jobs und klammert sich an Träume. Doch innerhalb weniger Monate zerbricht alles. Ohne Aussicht eigenes Geld zu verdienen, werden die Eltern in die Dienste der Kirche gestellt und schließlich bei einem Angriff zur Seeschlacht geschickt. Dieser Angriff kostet die Eltern das Leben Ella und Adriana stehen plötzlich allein da, traumatisiert und ohne Halt. Ella hat Alpträume, Zusammenbrüche und baut Mauern um sich auf, weil sie keine weiteren Verluste erträgt, doch ihre Schwester opfert sehr viel, um für die Jüngere da zu sein. Sie finden Unterkunft bei Olav, doch auch dort ist der Friede nicht von langer Dauer. Angeklagt zum Kult zu gehören, zieht dieser auch um Ella seine Kreise, um grausame Experimente an ihr durchführt – bis Aqua, die Göttin der Gefühle (Wasser-Element), sie erwählt und rettet. Die Inquisition nimmt sie daraufhin auf. Ella soll nun ihren Weg antreten, um Novizin zu werden – und steht vor der harten Realität: Wer sich weigert, kooperativ zu sein, dem werden die Kräfte „ausgebrannt“, um ihn unschädlich zu machen. Natürlich nur, weil ansonsten eine Gefahr für alle Menschen von ihm ausgehen würde…
In den Novizen Wulfrik und Astrid findet sie scheinbare Freunde und Unterstützung. Doch der provokante Messerwerfer Nathan mit seinen silbernen Augen kreuzt ständig ihren Weg, sät Zweifel und wirbelt ihr Leben durcheinander. Kann sie der Inquisition trauen? Den Göttern? Ihren neuen „Freunden“? Oder hat Nathan recht mit seinen Warnungen?
Die Geschichte ist persönlich und charaktergetrieben: Es geht weniger um epische Kämpfe, mehr um innere Konflikte, Trauerbewältigung und das langsame Aufbrechen von Illusionen in einer Welt, die in meinen Augen Propaganda und Kontrolle perfektioniert hat.
Schreibstil & Erzählweise
Marie Loth schreibt wahnsinnig bildhaft, detailliert und wirklich absolut schonungslos. Die Ich-Perspektive aus Ellas Sicht macht alles unmittelbar: Man riecht sozusagen das Blut, spürt die Kälte des Wassers, sieht die Maden in Wundrändern kriechen – es ist in dieser Welt einfach brutal ehrlich. Diese Detailtiefe erstreckt sich auf alles: Angefangen bei den Stickereien auf den Roben der Inquisition, den Beschreibungen der Welt, das Gefühl von nasser Kleidung auf der Haut oder die grausame Realität um Ellas vergangene sechs Monate.
Ein Highlight sind die Kapitelanfänge: Zuerst ein glorifizierender Auszug aus den offiziellen „Chroniken Sydlehens“ (Propaganda pur), Hintergründe zur Welt und Inquisition und dann ein Gegenstück aus dem „Brandblatt“ – einer Art Untergrund-Chronik, die die Dinge ins wahre, hässliche Licht rückt. Dieser Kontrast ist brillant und unterstreicht das zentrale Misstrauen-Thema perfekt.
Das Tempo ist bewusst ruhig und baut Spannung durch Emotionen auf, nicht durch Action-Marathons. Dialoge sind natürlich, oft frech oder sarkastisch und der Humor sorgt für willkommene Auflockerung in all der Düsternis.
Charakterentwicklung & Figuren
Ella ist als Protagonistin auch der emotionale Kern des Buches – und sie ist alles andere als perfekt. Impulsiv, stur, verletzt, misstrauisch bis paranoid. Nach dem Verlust der Eltern (die sich innig liebten und alles für ihre Töchter opferten) zerbricht etwas in ihr. Sie hat Alpträume, in denen die Eltern sie vielleicht warnen wollen („Flieh, lebe – mit deiner Schwester“), sie misstraut Aqua und allen Göttern und sie hält alle auf Abstand, weil Nähe direkt potenziellen Schmerz bedeutet. Ihre Entwicklung ist langsam, schmerzhaft und glaubwürdig: Von der naiven Flüchtlingstochter zur Erwählten, die mit Kräften ringt, die sie nicht völlig kontrollieren, verstehen und nutzen kann und noch dazu beginnt die Institutionen zu hinterfragen.
Adriana, die 20-jährige große Schwester, ist der Gegenpol: Stark, zurückhaltend und opferbereit. Sie träumt von der See, wollte schon immer weg, fühlte sich aber schuldig, die Familie im Stich zu lassen. Nach dem Tod der Eltern wird sie zur Beschützerin, doch Ella schickt sie schließlich weg („Leb dein Leben endlich“) – eine herzzerreißende Szene voller Liebe und Schuld. Ihre Beziehung zueinander ist eines der stärksten Elemente: Schwesternliebe, die trotz allem hält.
Wulfrik, der Novize an Ellas Seite, wirkt zunächst wie der Traum jeder Fantasy-Leserin: Fürsorglich, nett, immer da, wenn man ihn braucht. Er kümmert sich, hört zu, scheint Ellas Ängste zu verstehen. Aber genau diese Perfektion macht mich einfach viel zu misstrauisch – er ist fast zu glatt, zu manipulativ in seiner Sanftheit. Man fragt sich ständig: Nutzt er ihre Angst vor dem Alleinsein? Ist er wirklich auf ihrer Seite, oder Teil eines größeren Spiels? Seine Nähe zur Inquisition und die ständige Überwachung (immer schickt er zufällig jemanden, damit Ella nicht allein ist) verstärken das ungute Gefühl. Er ist faszinierend ambivalent – man will ihm glauben, traut ihm aber nicht ganz.
Nathan, der Messerwerfer mit den silbernen Augen, ist das pure Gegenteil: Kantig, unausstehlich, provokant, erschreckend gutaussehend und ehrlich bis zur Brutalität. Er kreuzt Ellas Weg immer wieder, wirft ihr Wahrheiten ins Gesicht und sät Zweifel an der Inquisition. Er hat Ecken, Kanten, eine dunkle Vergangenheit und eine Abneigung zu Wulfrik. Nathan bringt Reibung, Spannung und echte Chemie zwischen die Zeilen – er ist der Typ, der einen nervt und gleichzeitig fasziniert. Ich hoffe, hier könnte eine echte Verbindung entstehen, wenn seine und Ellas Mauern fallen.
Astrid bleibt etwas rätselhafter in meinen Augen. Als Novizin ist sie sympathisch, freundlich, scheint eine echte Freundin zu sein – aber sie ist tief im Inquisitions-System verstrickt. Man kann sie nicht richtig einschätzen: Ist sie naiv? Gefangen? Oder mehr involviert, als sie zugibt? Sie wirkt wie jemand, der wirklich gute Absichten hat, aber im falschen System steckt – und das macht sie interessant, weil sie Potenzial für Überraschungen hat.
Jede Figur bekommt spürbare Tiefe und Hintergrund – niemand ist nur zufällig irgendwo erwähnt. Die Beziehungen (Schwesternbande, Misstrauen vs. Anziehung, Manipulation vs. echte Fürsorge) sind komplex und treiben die Handlung emotional voran.
Fazit
„Trust in Elements: Der Quell“ ist ein überragender Auftakt: Emotional, dicht, thematisch tief und mit Charakteren, die unter die Haut gehen. Es ist ein bisschen düster, herzzerreißend und absolut süchtig machend – perfekt für alle, die Fantasy wollen, die wehtut und zum Nachdenken anregt.
Band 2 kann kommen – ich brauche Antworten!
Spoilerteil: Meine ausführliche, ehrliche und sehr persönliche Meinung zu „Trust in Elements: Der Quell“ (Nur für Leute, die das Buch schon gelesen haben – oder die Spoiler nicht scheuen!)
Okay, jetzt mal wirklich: Das Buch hat mich emotional total durch den Wolf gedreht, und zwar auf eine Weise, die ich nicht erwartet habe. Es ist gut, es ist stark, es ist atmosphärisch – aber es hat mich auch misstrauisch gemacht. Vor allem gegenüber bestimmten Figuren und Institutionen. Hier kommt alles raus, was ich während des Lesens gedacht habe und was mich am Ende nicht losgelassen hat.
Die Inquisition als ultimative Sekte: Die Inquisition kommt mir vor wie die übelste, manipulativerste Sekte, die man sich vorstellen kann. Sie predigen die Elemente, tun so, als wären sie die moralischen Wächter Sydlehens, aber in Wahrheit kontrollieren sie alles und jeden. Das mit dem „Ausbrennen“ der Kräfte bei Erwählten, die nicht spuren wollen? Und die Art, wie sie Ella „retten“ und dann sofort in ihre Strukturen einbinden, während sie ihr erzählen wollen, sie hätte eine freie Wahl – mit ständiger Überwachung, immer jemand in der Nähe, der „hilft“ – das schreit nach Love Bombing und Kontrolle. Die ganze Organisation fühlt sich an wie ein Kult, der den anderen Kult nur als Konkurrenz sieht. Beide sind gefährlich, beide manipulieren Menschenleben, nur dass die Inquisition den offiziellen Segen hat. Ich traue denen keinen Millimeter.
Wulfrik – zu nett, zu glatt, zu manipulativ: Wulfrik ist für mich der Inbegriff von „nice guy“-Gaslighting. Er ist immer da, immer verständnisvoll, hört Ella zu, streicht ihr über die Haare, wenn sie weint, sagt genau das Richtige in ihren schwächsten Momenten. Aber genau das macht ihn so verdächtig. Er nutzt ihre größte Angst – allein zu sein, wieder verlassen zu werden – eiskalt aus. Jedes Mal, wenn sie zweifelt, ist er da, um sie „zurückzuholen“, sie an den richtigen Weg zu erinnern, sie sanft, aber bestimmt in die Richtung der Inquisition zu lenken. Und diese ständige Umzingelung? Immer jemand um Ella herum, immer „Schutz“, immer „Freunde“ – das ist keine Fürsorge, das ist Überwachung. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass er sie mit ihren eigenen Ängsten manipuliert, damit sie freiwillig bleibt. Und dann die Verbindung zu Greta … Wulfrik und Nathans Schwester waren sich nah, Greta ist vor einem Jahr „verschwunden“ … Nope. Ich tippe stark darauf, dass er maßgeblich daran beteiligt war, sie in die Fänge der Inquisition zu locken oder noch viel Schlimmeres – genau wie er es jetzt bei Ella versucht. Da bin ich irgendwie bei Nathans Aussage, dass Wulfrik ein Menschenfänger sei.
Nathan … Nathan ist für mich irgendwie derjenige mit den ehrlichsten Motiven innerhalb des Buches. Er ist unhöflich, provokant, verletzt andere mit seiner Direktheit – aber ich glaube, er lügt nicht. Er sagt Ella ins Gesicht, was sie nicht hören will: Dass die Inquisition sie benutzt, dass sie in Gefahr ist, dass Wulfrik nicht ihr Freund ist. Seine silbernen Augen und die Messerwerfer-Attitüde machen ihn sexy und gefährlich … Sein Hass auf Wulfrik ist berechtigt – die beiden kennen sich aus vergangenen Zeiten, und ich wette, Wulfrik hat Greta damals „rekrutiert“. Nathan hat Ecken, Kanten, Trauma – und genau das macht ihn glaubwürdig. Die Chemie zwischen ihm und Ella ist elektrisch, weil sie beide kaputt sind und sich gegenseitig nicht schonen. Wenn es hier am Ende nicht zu einer echten Verbindung kommt, schreie ich. Ich brauche einfach diese Bad Boys Vibes.
Astrid – die Grauzone: Astrid kann ich einfach nicht einschätzen, und das nervt mich am meisten. Sie wirkt nett, sie wirkt ehrlich, sie scheint Ella wirklich zu mögen – aber sie ist voll im System drin. Ist sie naiv und indoktriniert? Hat sie Angst, selbst rauszufliegen, wenn sie zweifelt? Oder weiß sie mehr und spielt mit? Sie ist die klassische „gute Freundin in der Sekte“, die vielleicht wirklich gut meint, aber dadurch umso gefährlicher ist, weil Ella ihr vertraut. Ich hoffe, Band 2 gibt ihr mehr Tiefe – entweder als echte Verbündete oder als jemand, der tiefer verstrickt ist, als es scheint.
Greta: Was zur Hölle ist mit Nathans Schwester passiert? Das wird so bewusst im Raum stehen gelassen, dass es wirklich wehtut. Greta war bei der Inquisition, sie und Wulfrik waren sich nah – und plötzlich weg. Und ich bin mir sicher: Wulfrik hat Dreck am Stecken.
Ich brauche Band 2 gestern. Ich will wissen, wie es weiter geht und wie weit weg ich mit meinen Vermutungen an der Wahrheit bin.
Wenn du das liest, Marie Loth: Mach weiter so.
Ich habe es gelesen, mit einem Lächeln im Gesicht und Tränen der Rührung. Vielen Dank für deine ehrliche Meinung 🥰
Deine Marie
Das Lob musste auch einfach sein und ich freu mich immer, wenn ich meine Gedanken einfach frei miteilen darf 🙂
Liebe Grüße von Marie zu Marie 😀