StoryScan

frankenstein
© MinaLima Design, Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG

Marry Shelley

Frankenstein

oder der neue Prometheus
(Schmuckausgabe)

Illustrationen/Fotografien von: MinaLima Design
Originaltitel: Frankenstein or The Modern Prometheus | Übersetzt von: Ana Maria Brock
Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG (2025) | 416 Seiten
ISBN: 978‑3‑649‑65241‑0
Genre: Science-Fiction, Schauerroman | Altersempfehlung: ab 14 (ich finde 12 zu jung für den sprachlichen Stil)
Klappentext: Nach dem frühen Verlust seiner Mutter verfolgt Viktor Frankenstein nur ein einziges Ziel: den Tod zu besiegen. Besessen von dieser Idee, widmet er sich den modernen Wissenschaften und überschreitet dabei jegliche moralischen Grenzen. Aus den sterblichen Überresten verschiedener Menschen erschafft er ein Wesen, das jedoch nicht den erhofften perfekten Menschen darstellt, sondern eine groteske, abstoßende Kreatur. Entsetzt von seinem eigenen Werk, ergreift Viktor panisch die Flucht. Doch sein Geschöpf bleibt ihm auf den Fersen – gezeichnet von Einsamkeit, Schmerz und Verzweiflung. Denn beide werden von demselben Verlangen angetrieben: dem brennenden Hass auf den anderen und dem unaufhaltsamen Wunsch nach Vergeltung.

Kurzbewertung

Handlung & Spannung:
langatmig, distanziert, punktuell intensiv

Idee & Originalität:
thematisch zeitlos, Klassiker

Cover & Aufmachung:
edel, stimmig, hochwertig (Schmuckausgabe mit interaktiven Elementen)

Charaktere & Entwicklung:
begrenzt nachvollziehbar, eingeschränkt durch die Ich‑Perspektive, emotional distanziert

Schreibstil & Sprache:
langatmig, verschachtelt, anspruchsvoll

Gesamtbewertung:

Ich schleiche schon lange um die Schmuckausgaben von MinaLima herum. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe davon, und ich hoffe sehr, dass noch weitere Klassiker folgen. Als dann in der Buchhandlung ein frisch ausgepacktes Exemplar von Frankenstein lag, bereit zum Durchblättern, war es um mich geschehen.

Natürlich sind rund vierzig Euro kein Pappenstiel. Gleichzeitig muss man bei diesen Ausgaben die gesamte Gestaltung im Blick behalten: das Papier, die Verarbeitung, die Illustrationen, die interaktiven Elemente. Es steckt sichtbar Arbeit darin. Und da ich Frankenstein im „Original“ bisher nie gelesen hatte – nur in diversen Filmversionen erlebt –, schien mir das der perfekte Anlass, endlich mit dem Roman selbst zu beginnen.

Auch nach dem Lesen tue ich mich schwer damit, Frankenstein einfach in eine Sternebewertung zu pressen. Die gestalterische Seite dieser Schmuckausgabe ist für mich eine klare Fünf‑Sterne‑Angelegenheit: die Illustrationen, das Papier, die interaktiven Elemente, die Farbgebung, die gesamte Verarbeitung. Das ist handwerklich so liebevoll gemacht, dass ich jedes Detail würdigen möchte.

Der Text selbst hat mich dagegen – trotz seines Status als Klassiker – nicht wirklich abgeholt. Die alte Sprache, die langen Reisebeschreibungen, die vielen Fieberanfälle und Zeitsprünge, die emotionale Distanz der Figuren: Das alles hat mich eher auf Abstand gehalten. Und nur weil ein Buch alt und berühmt ist, sehe ich keinen Grund, es automatisch mit fünf Sternen zu bewerten. Für den literarischen Anteil vergebe ich deshalb drei Sterne.

Im Gesamten ergibt das vier Sterne. Und ja, das bricht mir ein wenig das Herz, weil die Aufmachung eigentlich nach mehr schreit. Aber am Ende muss man fair bleiben und beide Seiten getrennt betrachten.

Zur Autorin

Mary Shelley wurde 1797 in London geboren und wuchs in einem außergewöhnlich literarischen Umfeld auf. Ihre Mutter war die Philosophin Mary Wollstonecraft, ihr Vater der Schriftsteller William Godwin. Frankenstein schrieb sie im Alter von nur achtzehn Jahren während eines Aufenthalts am Genfer See, wo sie sich mit Percy Bysshe Shelley und Lord Byron aufhielt. Die berühmte „Geistergeschichten‑Wette“ dieser Runde gilt als Ausgangspunkt des Romans. Shelley veröffentlichte das Buch 1818 anonym, erst die überarbeitete Ausgabe von 1831 trug ihren Namen. Trotz ihres jungen Alters schuf sie damit einen der einflussreichsten Texte der Literaturgeschichte, der bis heute als frühes Werk der Science‑Fiction und als moralisch‑philosophischer Roman gelesen wird. (Dies wird ausführlich im Vorwort / der Einführung behandelt.)

Struktur

Rahmen: Die Briefe

Der Roman beginnt und endet mit einer Reihe von Briefen, die Robert Walton an seine Schwester schreibt. Diese Briefe bilden den äußeren Rahmen der gesamten Erzählung. Waltons Perspektive eröffnet das Buch, führt in die Situation ein und schließt die Geschichte später wieder ab. Die eigentliche Handlung wird dadurch als Bericht innerhalb eines Berichts präsentiert.

Band 1

Der erste Band umfasst:

  • die Rahmenhandlung über Walton
  • den Übergang zu Viktors Erzählung
  • die biografische Rückschau auf Viktors Herkunft, Familie und Jugend
  • seine ersten Schritte in Richtung Wissenschaft
  • den Beginn seiner Studien

Erzählt wird vollständig aus Viktors Sicht, da Walton seine Worte wiedergibt. Der Ton ist geprägt von einem älteren, formelleren Sprachstil, der sich an der Originalzeit orientiert.

Band 2

Der zweite Band wechselt in eine weitere Binnenerzählung:

  • Das Monster berichtet Viktor von seinem eigenen Werdegang.
  • Dieser Bericht wird wiederum von Viktor erzählt und von Walton aufgezeichnet.

Damit entsteht eine dreifache Erzählebene: Walton → Viktor → Monster. Dieser Band konzentriert sich strukturell auf die Entwicklung, Beobachtungen und Erfahrungen des Wesens.

Band 3

Der dritte Band führt zurück zu Viktors eigener Erzählung. Er umfasst:

  • seine weiteren Entscheidungen
  • die Konsequenzen dieser Entscheidungen
  • die erneute Verbindung zur Rahmenhandlung
  • den Abschluss durch Waltons Perspektive

Damit schließt sich der Kreis zur Briefstruktur am Anfang.

Illustrationen

Die Schmuckausgabe ist durchgehend mit farblich abgestimmten Illustrationen versehen. Sie greifen die Grundstimmung des Romans auf – düster, melancholisch, aber ästhetisch fein ausgearbeitet. Die Farbpalette orientiert sich am Einband (türkis, dunkles Blau, Goldakzente) und zieht sich konsistent durch das gesamte Buch.

Interaktive Elemente

Zwischen den Kapiteln finden sich verschiedene interaktive Elemente:

  • Schiebemechanismen
  • ausklappbare Details wie Karten, Dokumente oder die Hochzeitseinladung
  • kleine grafische Überraschungen

Damit diese Elemente nicht auf die Buchseiten drücken, sind Schutzblätter dazwischen gelegt. Die Gestaltung ist sichtbar handwerklich durchdacht und verleiht der Ausgabe einen besonderen Reiz.

Handlung und Figuren

Frankenstein entfaltet seine Geschichte über mehrere Erzählebenen, die alle in einem eher formellen, älteren Stil gehalten sind. Dieser Stil schafft automatisch eine gewisse Distanz – sowohl zwischen den Figuren als auch zwischen Text und Leser. Genau das prägt das gesamte Leseerlebnis. Ich mache mir nichts vor, dass ich dachte, ich würde die Handlung kennen, weil ich irgendwann einmal den ein oder anderen Film dazu gesehen habe. Ich wurde aber komplett überrascht, wie weit sich die Filme vom Original entfernt haben. Und am Ende blieb mir auch die Frage offen, warum Namen in der Übersetzung ‚eingedeutscht‘ wurde? Ein Victor wäre ebenso verständlich gewesen wie Viktor.

Die Rahmenhandlung

Der Roman beginnt mit den Briefen des Seefahrers Robert Walton, der seiner Schwester von seiner Expedition berichtet. Auf dieser Reise nimmt er einen geschwächten Fremden an Bord: Viktor Frankenstein. Waltons Briefe bilden den äußeren Rahmen, in dem Viktors Bericht erzählt wird.

Viktor Frankenstein

Viktor schildert seine Kindheit, seine Familie, seine Studien und schließlich die Erschaffung des Wesens. Er ist der Ich‑Erzähler, und alles, was wir erfahren, ist durch seine Wahrnehmung gefiltert. Dadurch bleiben viele Figuren eher blass oder einseitig – was stark zu der emotionalen Distanz beiträgt, die der Roman erzeugt. Wenn wir nämlich ehrlich sind, ist Dr. Frankenstein weit davon entfernt so etwas wie ein Sympathieträger zu sein, auch wenn er tragische Schicksalsschläge erlitten hat. Gerade in seiner Jugend- und seinen Jahren in Ingolstadt hat er diesen gewissen Gottkomplex.

Das Monster

Das Wesen erhält im zweiten Band seine eigene Stimme – allerdings ebenfalls nur vermittelt durch Viktor. Es erzählt von seinen ersten Erfahrungen, seinem Lernen, seinen Beobachtungen und seiner Einsamkeit. Anders als in vielen Filmadaptionen spricht das Monster im Buch klar, reflektiert und erstaunlich präzise. Trotzdem bleibt es eine Figur, die bewusst Entscheidungen trifft – und sich für Rache entscheidet.

Ich lese immer wieder, dass das Monster als missverstandene Figur gilt – als jemand, der nur Liebe wollte und von der Welt grausam zurückgewiesen wurde. Nach der Lektüre kann ich diese Interpretation nur bedingt nachvollziehen. Ja, das Wesen erlebt Einsamkeit, Ablehnung und Orientierungslosigkeit. Ja, es lernt Sprache, beobachtet Menschen und versucht, sich einen Platz in der Welt zu schaffen. Aber gleichzeitig trifft es sehr klare, bewusste Entscheidungen. Es reflektiert, argumentiert, formuliert Forderungen und droht offen mit Gewalt, wenn diese Forderungen nicht erfüllt werden.

Für mich wirkt das nicht wie ein missverstandenes Opfer, sondern wie eine Figur, die ihre Verletzungen in Rache umwandelt und das mit voller Absicht. Der Roman zeigt deutlich, dass das Monster Alternativen gehabt hätte. Es hätte sich anders entscheiden können. Es tut es aber nicht. Und genau deshalb fällt es mir schwer, es als reine Tragödie zu lesen.

Elisabeth Lavenza

Elisabeth, Viktors „Kusine“ und spätere Verlobte wurde als Kind in die Familie aufgenommen. Sie bleibt im Roman eher idealisiert, weil Viktor sie durchgehend in gewisser Weise vergöttert, wie er zu Beginn selbst erzählt, und kaum echte Einblicke in ihr Innenleben zulässt.

Henri Clerval

Henri ist Viktors engster Freund. Er begleitet ihn durch verschiedene Lebensphasen, bleibt aber ebenfalls eine für mich blasse Figur, die wir nur durch Viktors Brille sehen.

Justine Moritz

Justine ist eine der wenigen Figuren, die trotz des distanzierten Erzählstils wirklich greifbar werden. Sie wird eines Mordes beschuldigt, den sie nicht begangen hat. Ihr Schicksal ist einer der stärksten Momente des Romans, gerade weil man so viel über ihre Vergangenheit, ihre Loyalität und ihre Verzweiflung erfährt.

Ihr falsches Geständnis, erzwungen durch den Beichtvater, der ihr mit der Hölle droht, ist erschütternd. Vielleicht wirkt diese Szene deshalb so stark: Sie ist der seltene Moment, in dem der Roman die Distanz verlässt und eine Figur zeigt, die wirklich etwas zu verlieren hat. Eine Figur, die nicht in philosophischen Monologen spricht, sondern einfach ein Mensch ist, der in eine ausweglose Situation gedrängt wird.

Der Erzählstil und seine Wirkung

Der Roman ist geprägt von:

  • verschachtelten Erzählebenen
  • einer alten, formellen Sprache
  • langen Beschreibungen von Reisen und Landschaften
  • Figuren, die eher über Gefühle sprechen, als sie tatsächlich zu zeigen

Zur Übersetzung von Ana Maria Brock

Die Übersetzung von Ana Maria Brock (1930-2019) hat für mich einen sehr stimmigen Eindruck hinterlassen. Auch wenn ich das englische Original nicht kenne, hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass hier sehr bewusst gearbeitet wurde: Der ältere, formelle Ton bleibt erhalten, ohne dass der Text unzugänglich wirkt. Die Sprache wirkt nicht künstlich modernisiert, aber auch nicht unnötig verstaubt. Gerade bei einem Roman, der so stark von seinem Erzählstil lebt, ist das eine anspruchsvolle Balance.

Für mich fühlte sich die Wiedergabe durchgehend authentisch an als würde man tatsächlich eine historische Stimme lesen. Die Übersetzung trägt damit einen großen Teil dazu bei, dass die Atmosphäre des Originals spürbar bleibt, selbst wenn man die Vorlage nicht direkt vergleichen kann. Ich bin also froh, dass keine moderne neue Übersetzung gewählt wurde.

Warum „Der moderne Prometheus“?

Der Roman trägt den Untertitel Der moderne Prometheus. In der griechischen Mythologie ist Prometheus die Figur, die den Menschen das Feuer bringt – ein Akt des Wissens, der Schöpfung und des Übertritts einer Grenze, die eigentlich den Göttern vorbehalten war. Genau diese Grenzüberschreitung spiegelt sich in Viktors Handlung wider. Er erschafft Leben, weil er es kann, nicht weil er die Verantwortung dafür tragen will.

Der Vergleich macht deutlich, worum es Mary Shelley ging: nicht um ein Monster im klassischen Sinn, sondern um die Folgen menschlicher Überheblichkeit. Viktor nimmt sich eine Macht heraus, die größer ist als er selbst, und muss dann mit den Konsequenzen leben. Der Untertitel ist damit weniger ein Hinweis auf das Monster, sondern vielmehr eine Art Kommentar zu Viktors Rolle und zu dem moralischen Konflikt, der den gesamten Roman trägt.

Illustrationen und Gestaltung – das eigentliche Herzstück dieser Ausgabe

Die Illustrationen dieser MinaLima‑Ausgabe sind für mich der Punkt, an dem das Buch wirklich aufblüht. Sie sind nicht einfach Beiwerk, sondern definitiv ein integraler Teil des Leseerlebnisses. Jede Zeichnung wirkt, als wäre sie direkt aus der Stimmung des Romans heraus entstanden: düster, melancholisch, leicht bedrückend und gleichzeitig wunderschön anzusehen. Diese Mischung ist selten. Viele Ausgaben versuchen, düster zu sein, und verlieren dabei die Eleganz. Hier passiert das Gegenteil: Die Bilder tragen die Schwere der Geschichte, ohne sie farblich und stilistisch zu erdrücken.

Die Farbpalette ist durchgehend konsistent: Türkis, dunkles Blau, Goldakzente. Das zieht sich vom Einband über die Kapitelzierseiten bis zu den Illustrationen selbst. Dadurch entsteht ein visuelles Gesamtkonzept, das man so nicht oft sieht. Es wirkt nicht zufällig, sondern bewusst komponiert. Selbst wenn man das Buch nur durchblättert, bevor man überhaupt zu lesen beginnt, hat man sofort ein Gefühl für die Atmosphäre.

Die interaktiven Elemente sind ein weiteres Highlight. Schiebemechanismen, kleine Klappen, ausklappbare Details; alles sauber verarbeitet, nichts wirkt billig und lieblos produziert oder wie ein Gimmick, um ein paar Euro mehr verlangen zu können. Die Schutzblätter zwischen diesen Elementen zeigen, wie viel Sorgfalt in der Produktion steckt. Es ist ein Buch, das man dadurch nicht einfach nur liest, sondern direkt erlebt. Man merkt, dass hier jemand wirklich darüber nachgedacht hat, wie man einen Klassiker nicht nur neu auflegt, sondern neu erfahrbar macht.

Auch die Typografie fügt sich in dieses Gesamtbild ein. Die klassische Serifenschrift und die Schreibschrift-Elemente der Briefe, die Unterschriften usw. passt zum historischen Text und verstärkt den Eindruck, ein altes Dokument in Händen zu halten. Gerade wenn man viel digital liest, ist das zunächst ungewohnt, aber es trägt zur Authentizität bei.

Am Ende bleibt für mich der Eindruck, dass die Gestaltung dieser Ausgabe das eigentliche Kunstwerk ist. Sie hebt den Roman auf eine Ebene, die weit über den Text hinausgeht. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum dir die Bewertung so schwerfällt: Die Aufmachung ist eine klare Fünf‑Sterne‑Leistung. Sie ist das, was dieses Buch wirklich besonders macht.

An dieser Stelle also auch einfach mal ein Lob an die Grafiker und generell auch an den Buchsatz – ebenso an die Menschen, die auch hinter den Kulissen und nicht im Impressum erwähnt, viel Liebe und Detailarbeit hinein gesteckt haben.

Filmadaptionen und die hartnäckigen Bilder im Kopf

Beim Lesen ist mir sehr deutlich geworden, wie stark Filmadaptionen das Bild von Frankenstein geprägt haben und wie wenig davon tatsächlich im Original vorkommt. Viele Elemente, die man automatisch mit der Geschichte verbindet, existieren im Roman schlicht nicht: kein Igor, keine brennende Windmühle, keine Bauern mit Fackeln, keine ikonischen Laborsequenzen voller Blitze. Und trotzdem sind genau diese Bilder so fest im kollektiven Gedächtnis verankert, dass man sie beim Lesen fast erwartet.

Ich habe gemerkt, dass es nicht nur mir so geht. Viele meiner Freunde und Bekannten erinnern sich eher an die Filme von 1931 oder spätere Popkultur‑Versionen als an den eigentlichen Text. Das zeigt, wie stark visuelle Medien Eindrücke formen und wie schwer es ist, diese Bilder wieder loszuwerden, selbst wenn man das Original liest.

Gleichzeitig verstehe ich, warum die Filme diese Entscheidungen getroffen haben. Ein Roman kann sich lange Beschreibungen, verschachtelte Erzählebenen und innere Monologe leisten. Ein Film muss dagegen die Handlung verdichten, visualisieren und vor allem greifbar machen. Und gerade in den 1930er‑Jahren war es üblich, Figuren hinzuzufügen oder Handlungselemente zu vereinfachen, um dem Publikum Orientierung zu geben. Ein Dialogpartner wie Igor erfüllt filmisch eine Funktion, die der Roman nicht braucht. Und das Monster wurde automatisch in die Rolle des schweigsamen „Muskelpakets“ gedrängt. Über Jahrzehnte wurde dieses Bild dann immer weiter vereinfacht, bis nur noch die Karikatur übrig blieb. Wenn man den Roman liest, wirkt das fast irritierend, weil das Wesen dort klar spricht, argumentiert und moralische Überlegungen formuliert. Es ist nicht dumm. Es wurde nur in der Popkultur so lange so dargestellt, dass man es irgendwann für selbstverständlich hielt.

Trotzdem war ich ein wenig enttäuscht, wie konsequent damals der Grundsatz „Show, don’t tell“ über Bord geworfen wurde. Vieles wird erklärt, ausgesprochen und kommentiert, aus Angst, das Publikum könnte es sonst nicht verstehen. Das steht im starken Kontrast zum Roman, der zwar distanziert erzählt, aber seinen Figuren dennoch Raum lässt. Vor allem aktuell ist ja das Thema wieder sehr präsent mit dem Vorsatz, dass beachtet werden muss, dass die Zuschauer sich schnell ablenken lassen oder am Handy hängen. Deshalb werden Handlungen auch vorgekaut und alle 5 Minuten wiedergekäut werden. Ich weiß, ich hänge mich daran sehr oft auf, aber dieses ständige Wiederholen in Jurassic World Rebirth wie viele Dinosaurier DNA sie noch brauchen – verdammt, es sind im Gesamten 3 Dinosaurier. Das können Grundschüler mitrechnen, wenn man eine DNA schon hat, wie viele man noch braucht. Und ich frage mich, ob sich da nicht sogar die Schauspieler irgendwann dämlich vorkommen und ich würde das so gerne mal jemanden direkt fragen. Ok, ich komme vom Thema ab.

Am Ende bleibt für mich die Erkenntnis, dass die Filme eine eigene, stark stilisierte Version von Frankenstein geschaffen haben; eine, die ikonisch geworden ist, aber mit dem Original nur lose verwandt ist. Und genau deshalb lohnt es sich, den Roman zu lesen, selbst wenn er einen nicht vollständig abholt: Er korrigiert ein Bild, das jahrelang für selbstverständlich gehalten wurde. Ich bin folglich auch gespannt, was die folgenden Adaptionen, die ja in den Startlöchern stehen, wieder mehr zurück zum Original wandern werden.

Fazit

Am Ende bleibt für mich ein zwiespältiger Eindruck. Die Schmuckausgabe selbst ist ein kleines Kunstwerk, liebevoll gestaltet, atmosphärisch illustriert und mit so viel handwerklicher Sorgfalt umgesetzt, dass man sie eigentlich automatisch mit fünf Sternen bewerten möchte. Die interaktiven Elemente, die Farbgestaltung, die Typografie; all das macht das Buch zu einem Objekt, das man gern in der Hand hält und das den Klassiker optisch auf ein neues Niveau hebt.

Der Text dagegen hat mich nicht wirklich erreicht. Die alte Sprache, die distanzierte Erzählweise und die langen Beschreibungen haben dafür gesorgt, dass ich emotional kaum Zugang gefunden habe. Nur Justines Schicksal hat mich wirklich berührt, während vieles andere eher an mir vorbeigegangen ist. Und auch wenn ich verstehe, warum der Roman literarisch so bedeutend ist, heißt das nicht automatisch, dass er für mich persönlich funktioniert. Es sind wirklich viele Reisen, Fieberphasen, Wanderungen … Die Handlung, die sich darüber hinaus erstreckt, war dagegen wirklich gut. Allerdings bin ich nicht der Typ Mensch, der 8 Seiten Wegbeschreibung von Genf nach England braucht.

Trotzdem bin ich froh, ihn gelesen zu haben. Schon allein, um die vielen falschen Bilder aus Filmadaptionen endlich aus dem Kopf zu bekommen und zu sehen, wie anders das Original tatsächlich ist. Und auch wenn meine Bewertung am Ende bei vier Sternen landet, liegt das nicht an der Gestaltung, sondern an meinem ganz persönlichen Leseerlebnis. Fair bleibt fair im Vergleich zu anderen Romanen.

 

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