Leo Nachtigall
Engelsblut und Rabengift
Die Teufelschroniken 1
Blutige Vergeltung und zerbrochene Herzogskronen: In der Bretagne verschmelzen die drohenden Schatten der Französischen Revolution mit den finsteren Mächten der Hölle.
Herbst 1768. Die von Todespracht und Schrecken geprägte Bretagne befindet sich fest in den Krallen einer Hexenkönigin, die im Namen des Teufels herrscht. Eine Weissagung bedroht jedoch das höllische Regime. Ein Junge namens Maximilien de Robespierre ist dazu bestimmt, König Ludwig im benachbarten Frankreich unter die Guillotine zu bringen – genau jenen Monarchen, den der Teufel für seine Pläne benötigt. Auf dessen Geheiß entsendet die Königin den Rabenhexer Corentin de Valnuit und die verdorbene Hexenprinzessin der Bretagne, seine Erzfeindin aus Kindheitstagen. Ihr gemeinsamer Auftrag: den Jungen töten. Doch ein Kriegerengel, erfüllt von eisiger Seligkeit, stellt sich der Teufelsbrut entgegen.
Ein gnadenloser Kampf zwischen Himmel und Hölle entbrennt, während der Rabenhexer in Wahrheit seine eigenen Interessen verfolgt.
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
In der Bretagne des Jahres 1768, mitten in der Kälte von Nantes, entfaltet Leo Nachtigall mit „Engelsblut und Rabengift“ eine Novelle, die dunkle Magie, historische Anspielungen und eine gehörige Portion Blut und Makabres zu einem kompakten Ganzen verwebt. Graf Corentin de Valnuit steht im Zentrum, ein Mitglied des Hexenkabinetts, dessen Fähigkeiten weniger im Feuer als in der Herrschaft über die Toten liegen. Was als Auftrag beginnt, ein Dorf auszulöschen, und dann zur Jagd auf einen jungen Mann mutiert, der von einem Engel beschützt wird, entfaltet sich zu einer Geschichte über Pakte, Schuld und den Preis der eigenen Entscheidungen.
Handlung
Corentin de Valnuit, Graf und Nekromant im Dienst des Hexenkabinetts, erhält den Befehl, ein Dorf auszulöschen. Doch er zögert, als es um zwei Kinder geht, und verweigert den finalen Schlag. Die Konsequenzen sind hart, doch die Königin Valerie de Belnoire, irdische Stellvertreterin des Teufels, gewährt ihm eine zweite Chance. Er soll den jungen Maximilien de Robespierre töten, damit die französische Revolution nicht ins Rollen kommt und König Ludwig nicht stirbt. Der Teufel will nämlich einen Pakt mit Ludwig schließen, um über ganz Frankreich zu regieren. Der Junge wird jedoch von dem Engel Nariel bewacht, sodass Corentin nicht nur den Menschen, sondern auch den himmlischen Beschützer ausschalten muss. An seiner Seite fliegen seit Kindertagen die beiden Raben Raffael und Sandro, schwarz und weiß. Florence, die Tochter der Hexenkönigin, begleitet ihn auf der Mission, was die Spannung zusätzlich erhöht. Zwischen den Ereignissen der Gegenwart blitzen Rückblicke auf Corentins Kindheit auf, in der er mit sieben Jahren den Pakt schloss, um die Raben zu retten. Die Geschichte bleibt eng geführt, ohne überflüssige Nebenstränge, und endet mit einer Wendung, die historische Realität und fiktionale Abweichung bewusst gegeneinander stellt.
Charaktere und Entwicklung
Corentin ist kein klassischer Held und auch kein reiner böser Hexer. Mit zwanzig Jahren trägt er bereits die Last eines Paktes, den er als Kind aus purer Naivität geschlossen hat. Seine Stärke in der Nekromantie machen ihn zu einer Figur, die außerhalb der üblichen Hexenbilder steht. Die beiden Raben Raffael und Sandro sind mehr als Begleiter. Sie sind seit seiner Kindheit bei ihm, und ihre Präsenz verleiht ihm eine merkwürdige Menschlichkeit, die mit seiner Rolle als Mörder kollidiert.
Florence, die Tochter der Hexenkönigin, wirkt zunächst wie eine auferlegte Last. Corentin kann sie nicht leiden, und genau diese Ablehnung macht ihre gemeinsame Reise interessant. Sie ist kein bloßes Anhängsel, sondern bringt eigene Motive und eine gewisse Schärfe mit (und ich mag irgendwie ihren Humor, selbst wenn sie einfach durch und durch ein Miststück ist).
Die Entwicklung der Figuren geschieht in der Kürze der Novelle vor allem durch Entscheidungen unter Druck. Corentin beginnt als jemanden, der tötet, weil er muss, und endet als jemanden, der für sich selbst entscheidet, auch wenn der Preis hoch ist. Die Rückblicke auf seine Kindheit verdeutlichen, wie früh der Pakt ihn geformt hat und warum die Raben für ihn mehr bedeuten als bloße tierische Begleiter.
Schreibstil, Worldbuilding usw.
Leo Nachtigall schreibt klar und ohne überflüssige Verzierungen. Seine Sätze tragen die Handlung und die Atmosphäre gleichzeitig. Die Bretagne des späten 18. Jahrhunderts wirkt greifbar, ohne dass jede Straße oder jedes Gebäude beschrieben werden müsste. Nantes im Herbst, der Geruch von Feuchtigkeit und die düstere Aura des Hexenkabinetts reichen aus, um eine geschlossene Welt zu schaffen. Die Nekromantie wird nicht als spektakuläres Feuerwerk inszeniert, sondern als etwas Körperliches und Unheimliches. Tote tanzen zu lassen, besitzt einen makabren Beigeschmack, die zum Gesamtton passt. Die Rückblicke auf Corentins Kindheit sind stilistisch etwas weicher gehalten und bilden einen wirksamen Kontrast zu den härteren Szenen der Gegenwart. Das Worldbuilding bleibt bewusst schlank. Das Hexenkabinett, die Königin Valerie de Belnoire und der Pakt mit dem Teufel werden eingeführt, ohne dass der Leser mit Regeln und Hierarchien überfrachtet wird. Man versteht genug, um zu folgen, und behält gleichzeitig das Gefühl, dass hinter den Kulissen noch mehr steckt. Die historische Verankerung mit dem jungen Robespierre und dem Bezug zu Ludwig funktioniert als Rahmen, ohne die Geschichte in ein Geschichtsbuch zu verwandeln. Am Ende steht kein klassischer Epilog, sondern ein bewusster Blick auf die Abweichungen zwischen der erzählten Version und dem, was die Geschichte tatsächlich kennt.
Meinung (Achtung Spoiler!)
Das Makabre und Blutige hat mich von der ersten Seite an gepackt. Die Novelle ist kurz, und genau das ist eine ihrer Stärken. Nichts zieht sich. Jede Szene hat Gewicht. Ich hätte durchaus noch mehr Seiten gelesen, doch die Kürze fühlt sich nie wie ein Abbruch an. Die Geschichte ist in sich schlüssig durchdacht. Besonders gelungen sind die Kapitel mit Corentins Vergangenheit. Sie erklären, warum er den Pakt eingegangen ist und warum die beiden Raben für ihn unverzichtbar sind. Als Sandro stirbt, trifft das nicht nur Corentin, sondern hat auch mich wirklich berührt und selbst wenn ich Katzen mag … er hätte das Vieh bis zum Teufel treten können. Der Schwur, Florence zu töten und nach Italien zu fliehen, wirkt in diesem Moment konsequent. Dass er am Ende tatsächlich nach Italien geht, als Totengräber arbeitet und den Gedanken an die Rache am Teufel nicht aufgibt, schließt den Kreis auf eine Weise, die weder hoffnungsvoll noch völlig hoffnungslos ist.
Florence bleibt bis zuletzt eine Figur, die man weder lieben noch einfach abhaken kann. Ihre Anwesenheit zwingt Corentin, sich mit den Konsequenzen seiner Zugehörigkeit zum Hexenkabinett auseinanderzusetzen. Der Engel Nariel und der Auftrag, Robespierre zu töten, damit die Revolution ausbleibt und Ludwig für den Pakt des Teufels am Leben bleibt, verleihen der Handlung eine historische Schärfe, die über das reine Fantasy-Element hinausgeht.
Die Entscheidung, am Ende die Unterschiede zwischen der realen Geschichte und der erzählten Version offenzulegen, empfand ich als gelungenen Griff. Er verhindert, dass die Novelle sich selbst zu ernst nimmt, und gibt dem Ganzen einen leichten Nachgeschmack, ohne die Dunkelheit zu untergraben. Gerade ich als Saarländerin habe wohl mehr französische Geschichte in der Schule behandelt als vielleicht der restliche Teil Deutschland. Vielleicht hat mir deshalb auch das Gesamtpaket so gut gefallen. Und haben wir uns nicht alle schon einmal gefragt, ob gewisse Herrscher nicht einen Pakt mit dem Teufel hatten?
Fazit
„Engelsblut und Rabengift“ ist eine Novelle, die mit wenig Seiten viel erreicht. Sie verbindet dunkle Magie, historische Anspielungen und eine konsequente Figurenseele zu einem geschlossenen Ganzen. Die makabren und blutigen Momente sitzen perfekt, die Kürze wirkt durchdacht, und die Geschichte hinterlässt den Eindruck, dass man etwas gelesen hat, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Wer sich auf eine düstere, eng erzählte Geschichte mit Nekromantie, Pakten und einem Protagonisten einlassen möchte, der zwischen Pflicht und eigenem Willen navigiert, wird hier fündig.