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dogmawahrheit
© Behemoff Editions

E.X. Behemoff

Dogma der Wahrheit

Das Honeypot-Protokoll 1

Behemoff Editions (2025) | 559 Seiten 
ISBN: 978‑3‑912296‑00‑6
Genre: Thriller, Dystopie, Science Fiction | Altersempfehlung: ab 16
Klappentext:

Wenn Wahrheit ein Dogma wird, ist Denken ein Verbrechen.

Es gab eine Zeit, da gehörten die Gedanken dir.

Jetzt lesen Wächter Absichten – wer falsch denkt, stirbt.

Brutal. Und unter Beifall.

Hagen erinnert sich an die alte Welt. Aber während andere sterben, sieht er weg – bis die Wahrheit ihm alles nimmt. Manche flüstern vom Root Chip, einem Schlüssel zur absoluten Kontrolle. Für ihn ist es nur ein Mythos. Doch die Schuld lässt ihm keine Ruhe – und treibt ihn in eine Hoffnung, die tödlich ist.

Als er sich auf die Suche macht, markiert ihn der Moebius-Konzern.

Die Jagd beginnt.

Seine Zeit läuft ab.

Wer den Root Chip findet, zerstört das System – oder sich selbst.

Transparenzhinweis: Diese Rezension basiert auf einem kostenlos zur Verfügung gestellten Leseexemplar durch netgalley.de .

Kurzbewertung

Handlung & Spannung:

Idee & Originalität:

Cover & Aufmachung:

Charaktere & Entwicklung:

Schreibstil & Sprache:

Gesamtbewertung:

Berlin im Jahr 2122: Eine Stadt, die nur noch als Schatten ihrer selbst existiert. 150 Jahre nach der nuklearen Katastrophe, die das Zentrum verwüstet hat, steht über dem ehemaligen Brandenburger Tor ein schwarzer Sarkophag, der Strahlung abschirmt und gleichzeitig ein Symbol für alles ist, was diese Welt verloren hat. Die Menschen leben nicht mehr wirklich, sie funktionieren. Sie bewegen sich durch das Grid, eine allgegenwärtige digitale Schicht, die sich wie ein Schleier über jede Wahrnehmung legt. REVision-Brillen filtern die Realität, Emotionen werden durch Chips moduliert, und echte Nähe ist zu einem Relikt geworden.

Geburten finden nicht mehr statt. Menschen schlüpfen aus Inkubatoren, optimiert, kontrolliert, standardisiert nach aktuellen Trends – Embryos wie Freddy einfach vergessen und liegen gelassen, weil ihn dann doch im schnellen Wandel der Zeit niemand mehr haben wollte.  Wer noch einen Bauchnabel besitzt, gilt als Anomalie – und wird gejagt. Denn echte Geburt bedeutet echte Menschlichkeit, und echte Menschlichkeit bedeutet Unberechenbarkeit.

In dieser Welt kursiert die Legende vom Root Chip, einem Artefakt, das absolute Kontrolle über alle Systeme verspricht. Manche halten ihn für einen Mythos, andere für den Schlüssel zur Freiheit. Doch was, wenn er nie existiert hat? Was, wenn alles nur ein Konstrukt ist – oder schlimmer noch, ein Gedanke, der sich verselbstständigt hat?

Mitten in diesem Geflecht aus Wahrheit, Lüge und Manipulation steht Hagen, der im Institut der Wahrheit arbeitet. Ein junger Mann, dessen Eltern die Erinnerung an das alte Berlin bewahren und für Freiheit kämpfen, während er selbst lange die Augen verschließt – bis die Wahrheit ihm alles nimmt. Seine Suche nach Antworten wird zur Jagd und zur Frage, ob die größte Bedrohung wirklich draußen lauert oder längst in seinem Kopf sitzt.

Charaktere – Vielschichtige Figuren in einer zersplitterten Welt

Was dieses Buch besonders stark macht, ist die Fülle an Charakteren, die nicht nur als Begleitfiguren existieren, sondern jeweils ihre eigenen Kapitel, ihre eigenen Wunden und ihre eigenen Wahrheiten mitbringen.

Neben Hagen treten die Suntinels Big, Dru und Ash auf – ein Trio, das gleichzeitig humorvoll, tragisch und moralisch ambivalent ist. Ihre Dynamik wirkt lebendig, ihre Entscheidungen nachvollziehbar, auch wenn sie nicht immer sympathisch sind.

Libby erhält eine besonders ausführliche Hintergrundgeschichte, die sich über viele Zeitebenen erstreckt. Ihre Vergangenheit wird in Fragmenten erzählt, die sich erst nach und nach zu einem Bild zusammensetzen. Gerade diese Zeitsprünge haben mich gelegentlich aus dem Rhythmus gebracht, weil die Angaben – sieben Jahre, viele Jahre, noch mehr Jahre, dann wieder 33 Jahre später – irgendwann rechnerisch kaum noch greifbar waren. Trotzdem bleibt Libby eine der emotional stärksten Figuren für mich.

Elara, auf der Seite der Wächter, bildet einen spannenden Gegenpol. Ihre Perspektive zeigt, wie tief das System in die Köpfe eingreift und wie schwer es ist, sich davon zu lösen.

Selbst Nebenfiguren wie Dice, Hagens Eltern oder Mosquito bekommen Raum, um Tiefe zu entwickeln. Und dann gibt es noch die Vergangenheiten der vermeintlichen Antagonisten – etwa des Elefanten oder Thomas. Gerade Thomas’ Geschichte zeigt, wie Menschen zu dem werden, was sie sind, wenn sie in einer falschen Realität durch Verdrängung festhängen.

Diese Breite an Figuren sorgt dafür, dass die Welt nicht nur groß wirkt, sondern lebendig. Jede Perspektive erweitert das Verständnis für das Grid und die Mechanismen, die es am Laufen halten. Und warum ich niemals Teil einer solchen Welt sein wollte.

Sprachstil – Atemlos, fragmentiert, intensiv

Mit dem Schreibstil hatte ich anfangs zu kämpfen. Die Sätze sind kurz, die Dialoge zahlreich, die Szenen wechseln schnell. Ruhe entsteht selten, weil die Handlung ständig in Bewegung bleibt.

Der häufige Perspektivwechsel erinnert an Serien wie Haus des Geldes: Eine Szene endet im Cliffhanger, und erst aus der Sicht einer anderen Figur wird klar, wie es dazu kam. Das erzeugt Spannung, kann aber auch anstrengend sein, wenn man versucht, den Überblick zu behalten.

Gerade bei Libbys Kapiteln habe ich irgendwann den zeitlichen Faden verloren. Auch die Einführung von Begriffen wie Liquids, Cups oder Mugs ohne sofortige Erklärung hat mich gelegentlich aus dem Lesefluss gerissen. Beispielsweise die Liquids: eine Bezeichnung, die sich aus dem ursprünglichen Begriff Liquidator ableitet. Nach der Nuklearkatastrophe – angelehnt an die realen Ereignisse von Tschernobyl – waren Liquidatoren damit beschäftigt, die ionisierende Strahlung einzudämmen. In der Welt des Buches jagen die Liquids im „heutigen“ Berlin jedoch biologische Gefahren, darunter auch Menschen, die als Träger falschen Gedankenguts gelten.

Trotz dieser Stolpersteine gibt es viele sprachliche Feinheiten, die mir gefallen haben. Die Bedeutung und Tragweite des Namens Hagen, die Wortspiele wie die „Sun“tinels, die Herkunft des Namens der KI Alex, die ich zunächst für eine Anspielung auf Alexa hielt. Und dann diese kleinen liebevollen Details wie der rote Panda, der inmitten der Düsternis fast schon zärtlich wirkt (ja gut, später dann … nicht mehr, aber egal. Rote Panda sind niedlich.). Auch bei der RawVision als Gegenstück der REVision …

Der Stil ist fordernd, aber er passt zur Welt. Er spiegelt die Fragmentierung wider, die das Grid erzeugt, und die Rastlosigkeit einer Gesellschaft, die ständig nach dem nächsten Reiz sucht.

Handlung – Zwischen Wahrheit, Wahnsinn und moralischem Abgrund

Zu Beginn wirkt es, als würde sich alles um die große Frage drehen, was im schwarzen Sarkophag verborgen liegt. Die Strahlung, die Katastrophe, die Wahrheit, die das Institut bewacht. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto klarer wird, dass der Sarkophag nur ein Teil eines viel größeren Puzzles ist.

Die Geschichte führt tief in menschliche Abgründe: Machtmissbrauch, Kontrolle, Manipulation, Gewalt. In einer Welt, in der ein falscher Gedanke tödlich sein kann, verschwimmen die Grenzen zwischen Opfer und Täter. Die REVision-Brillen filtern nicht nur die Realität, sie formen sie. Likes und Upvotes entscheiden über Wert und Überleben. Menschenhandel, Drogen, virtuelle Anerkennung – alles wird zu einer Währung, die Menschen korrumpiert.

Die Frage, was real ist, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Was ist Wahrheit, wenn sie von Konzernen definiert wird? Was ist Identität, wenn Erinnerungen manipulierbar sind? Und was bleibt von einem Menschen übrig, wenn selbst Gefühle programmierbar sind?

Am Ende steht weniger die Auflösung im Vordergrund als die Erkenntnis, wie fragil Freiheit ist und wie leicht sie sich in Kontrolle verwandelt, wenn niemand mehr hinsieht. Gebt dem Volk Brot und Spiele!

Fazit – Ein intensiver Auftakt mit kleinen Stolpersteinen

Insgesamt ist es ein starkes, atmosphärisches Buch. Die Welt ist komplex, die Figuren vielschichtig, die Themen relevant und vor allem im Kopf sehr unbequem.

Ich hoffe, dass Band 2 die gleiche Dichte beibehält, aber vielleicht etwas weniger hektisch zwischen den Perspektiven springt. Ein wenig mehr Ruhe zwischen den Zeilen würde der Geschichte guttun, ohne ihr Tempo zu verlieren.

Trotz kleiner Verwirrungen und gelegentlicher Überforderung bleibt es ein beeindruckender Auftakt, der zeigt, wie nah Dystopie und Realität manchmal beieinanderliegen.

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