Liane Mars
Asrai
Das Herz der Drachen
(Band 3, Spin Off)
Gelesen von Sabrina Scherer und Vincent Fallow
Klappentext:
Wovor fürchtet sie sich mehr?
Vor ihrem Drachen, der ihr vorherbestimmt ist?
Oder vor dem Mann, der ihr Seelengefährte sein soll?
Eigentlich will Linnea nur in Ruhe als Dorfheilerin leben. Stattdessen wird sie an den Drachenhort gerufen, weil sie die wiedergeborene ASRAI sein soll. Leider weiß sie nichts mehr von ihren vergangenen Leben. Weder erinnert sie sich an Manila, den mächtigsten Drachen aller Zeiten, noch an den Mann, den sie einst unendlich liebte. Der hingegen weiß noch jedes Detail und setzt alles daran, seine frühere Seelengefährtin zurückzugewinnen. Doch Linnea ist nicht Elaja und will um ihrer selbst willen geliebt werden. Bis sie entdeckt, dass ihr Seelengefährte ein tödliches Geheimnis verbirgt.
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Konflikte passieren eher im Hintergrund
Idee & Originalität:
Das Thema der Wiedergeburten rückt stärker in den Fokus
Cover & Aufmachung:
hätte ich für Band 2 passender gefunden
Charaktere & Entwicklung:
rückt ein wenig in den Hintergrund durch die Handlungen um die Wiedergeburten und Selbstfindung
Schreibstil & Sprache:
auch in Band 3 sehr schön
Gesamtbewertung:
Der dritte Band setzt direkt nach dem Epilog aus Band 2 an. Die Handlung verschiebt sich folglich um 300 Jahre und wir als Leser springen zusammen mit den Figuren in den nächsten Zyklus der Widergeburten. Da Band 1 und 2 als Dilogie rund um Elajas Geschichte abgeschlossen ist, betrachte ich Band 3 eher als Spin Off. Ich habe keine offizielle Bezeichnung dazu gefunden. Ebenso habe ich es wieder als Hörbuch gehört und schreibe Namen so wie ich sie höre und glaube, dass sie richtig sind. Und ich glaube, wenn ich nicht direkt von Band 2 zu Band 3 übergangen wäre und etwas Elajas Handlung sacken gelassen hätte, hätte Linnea zu Beginn nicht so fremd gewirkt.
Handlung (spoilerfrei)
Linnea lebt als Heilerin in einem abgelegenen Dorf, bis der Shetai auftaucht und sie mitnimmt: Sie soll die wiedergeborene Asrai sein, ihr Ei steht kurz vor dem Schlüpfen, und die Welt erwartet von ihr, dass sie in die Fußstapfen einer Legende tritt. Die politischen Spannungen zwischen den vier Königreichen verschärfen sich, während Linnea versucht, ihren Platz zwischen Pflicht, Herkunft und einer Vergangenheit zu finden, an die sie sich nicht erinnert. Die Geschichte verbindet persönliche Überforderung mit weltpolitischen Konflikten und führt die Mythologie der Reihe dadurch konsequent weiter. Wir erleben dieses Mal mehr von Arandor selbst mit seinen Ländern, Herrschern und Spannungen, während die anderen beiden Welten eher zu Randerscheinungen der Handlung werden.
Charakterentwicklung
Tatsächlich fällt es mir schwer rein auf Linnea einzugehen, da ich sie immer unmittelbar mit Elaja vergleiche, die sich absolut ihren Platz in ihrer Welt und in meinem Herzen erkämpft hat mit ihrer ganzen Art. Linnea dagegen wächst in einer Familie auf, die sie liebt. Ist sogar irgendwie glücklich als Dorfheilerin, auch wenn sie spürt, dass etwas sie zu den Drachen zieht und manchmal dachte ich mir, sie bekommt einfach viel zu viel einfach in den Schoß gelegt. Sie hat zwar Zweifel, ob sie einer Kriegerin wie der Asrai gerecht werden kann, ist geplagt von Heimweh und ist geprägt durch körperliche und psychische Narben, durch die sie weder ‚normal‘ auf einen Drachen aufsteigen kann noch alle Zauber ausführen kann. Trotz ihrer liebevollen Art, blieb für mich immer eine gewisse distanzierte Haltung ihr gegenüber. Während wir bei Elaja einfach die gesamte Entwicklung, ihren Kampf gegen Windmühlen, ihre Opfer, ihre Suche nach Freunde und Zugehörigkeit erlebt haben, kämpft Linnea mehr einfach dafür, dass sie Linnea bleibt und dafür geliebt wird. Sie muss sich keinen Platz suchen, sie muss ihre Vergangenheit nicht erkunden, sie muss sich nicht einmal neue Freunde suchen, denn alles breitet sich einfach vor ihr aus. Sogar der innere Kampf gegen die wütende Asrai, die übernehmen will, wird ihr aus den Händen genommen. So sehr ich mich auch einfach bemühe sie zu mögen, sie hat einfach all das erhalten, was ich Elaja über zwei Bände so sehr gegönnt hätte. Und das tat dann doch irgendwie auch weh.
Ian dagegen wirkt gereifter, wenn auch gebrochener und von Schuld geprägt. Seine Geduld und sein Schmerz darüber, dass Linnea nicht Elaja ist, gehören zu den stärksten emotionalen Momenten des Buches. Er muss akzeptieren Elaja gehen zu lassen, auch wenn er sich an sein altes Leben nur zu deutlich erinnern kann, um Linnea lieben zu können. Für mich ist Ian mehr Protagonist als Linnea und trägt die gesamte Handlung auf seinen Schultern.
Leider bleiben in diesem Teil für mich auch viele Nebenfiguren eher flach und grau. Es wird teilweise durch die Wiedergeburt schnell abgewickelt, dass es sich beispielsweise um Sean handelt und die neue Figur sich ähnlich verhält, dass ich jetzt auch schon wieder vergessen habe, wie die neue Figur namentlich hieß.
Schreibstil
Der Stil bleibt klar, zugänglich und bildhaft, mit einem Fokus auf emotionalen Konflikten und inneren Kämpfen. Die Autorin greift zentrale Fragen der Dilogie wieder auf — Wiedergeburt, Magie, Verantwortung — und führt sie weiter. Die politischen Elemente sind stärker als zuvor, aber weniger komplex als die interweltlichen Konflikte der ersten beiden Bände. Es werden auch Fragen, die für mich nach Band 2 offen waren, schön sauber erklärt und aufgenommen, um den Faden weiter zu spinnen.
Sprecherleistung
Durch Linnea übernimmt Sabrina Scherer die weibliche Perspektive, begleitet von Vincent Fallow. Ihre Stimme passt gut zur Figur: weich, ruhig, mit einer angenehmen Klarheit, die Linneas Unsicherheit und Verletzlichkeit glaubwürdig transportiert. Vincent Fallow bleibt gewohnt souverän, tief und kontrolliert. Zusammen ergibt sich ein stimmiges Duo, das den Perspektivwechsel unterstützt und die emotionale Dynamik trägt. Ich glaube, Sabrina hat mir tatsächlich sogar ein wenig besser gefallen als Lucy Leopold in den Teilen davor.
Worldbuilding
Die Welt öffnet sich in neue Richtungen: weniger Fokus auf die Pfortenwelten, mehr auf die politischen Spannungen zwischen den Königreichen. Gleichzeitig wird die Mythologie der Wiedergeburt vertieft — Magie, Echos, Bestien, die Rolle der Asrai und des Shetai. Die Zeitsprünge und die 300-jährige Lücke werden gut genutzt, um Legenden, Mythen und historische Verzerrungen zu zeigen. Einige Aspekte bleiben bewusst offen, etwa die Frage nach freiem Willen versus Vorbestimmung.
Fazit
Der dritte Band ist ein klarer Bruch und gleichzeitig eine Fortführung. Wer Elaja über zwei Bände begleitet hat, wird Zeit brauchen, um Linnea anzunehmen — nicht, weil sie schlecht geschrieben wäre, sondern weil die emotionale Bindung zu Elaja so stark ist. Die Handlung verbindet persönliche Entwicklung mit politischer Zuspitzung, und das Hörbuch profitiert von der neuen Sprecherin. Ein gelungener Spin-off-Band, der die Welt erweitert und genug offene Fäden lässt, um weiteres Potenzial anzudeuten.
Spoilerbehaftete Meinung
Dein Kernpunkt sitzt sehr klar: Das Buch funktioniert, aber es funktioniert anders, und genau dieser Bruch erzeugt bei mir innere Reibung. Die Geschichte trägt sich von selbst, die Figuren haben ihren Platz, das Ende ist rund — und trotzdem bleibt ein Gefühl von Verlust, das nicht durch Linneas Entwicklung aufgefangen wird.
Was für mich persönlich nicht gut funktioniert hat
- Der Übergang von Elaja zu Linnea ist emotional härter als ich dachte. Elaja war kantig, kämpferisch, voller Widersprüche und Entscheidungen, die sie sich erarbeitet hat. Linnea dagegen bekommt vieles aus Rücksicht gereicht, und das Trauma des Vulkans wirkt wie ein Gegengewicht, das diese Bevorzugung kaschieren soll. Dadurch fehlt ihr das innere Feuer, das Elaja so prägend gemacht hat.
- Die Verschiebung der Schwerpunkte trifft für mich an der falschen Stelle. Statt Welten, Magie, Pforten, Drachen und existenziellen Konflikten bekommen wir als Leser politische Ränkespiele, höfische Intrigen und zickige Königinnen. Für mich geht damit auch ein Stück dessen verloren, was die Reihe für mich bisher ausgemacht hat: Die epische Weite schrumpft auf Verhandlungstische zusammen.
- Rai bleibt für mich irgendwie ein Bruch in der Logik. Seine Gelassenheit wirkt unplausibel, wenn man bedenkt, dass Ian die Heimatpforte schließen musste und seine Welt erneut im Chaos versinkt. Sein Verhalten passt nicht zu der Wucht, die seine Figur eigentlich tragen müsste. Selbst wenn wir jetzt diesen Punkt ausklammern, dass sie in diesem Wiedergeburten-Zyklus verwandt sind.
Was trotzdem funktioniert
- Das Happy End mit Lessa und Nat (ich entschuldige mich dafür, dass mir die neuen Namen dieser Figuren einfach durch meine Erinnerung gesickert sind) ist stimmig und verdient.
- Die Mythologie der Wiedergeburt bleibt faszinierend, vor allem die Frage, was genau eigentlich vorbestimmt ist und wie viel freier Wille dann doch noch übrigbleibt.
- Die Dynamik zwischen Linnea und Ian trägt funktioniert, wenn auch anders als zwischen ihm und Elaja.
Der eigentliche Schmerzpunkt für mich wohl nicht nur die Tatsache endlich Elaja los zu lassen und ich hatte gehofft, dass irgendwo in Ians 80 verbliebenen Lebensjahren ein Schlupfloch gewesen wäre … sondern, dass ich lieber mehr Drachen, Magie, Pforten, Echos und Welten gehabt hätte, statt höfische Politik. Wir haben in zwei Bänden eine absolut epische Bühne gebaut bekommen und nun fühlte es sich an als hätte man den Vorhang eher ein Stück zugezogen als weiter geöffnet.
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