Jamie Fowl
Die Nebelkönigin
In einer Welt der Stürme und herumtreibenden Inseln, in der der ruchlose Orden der Wellenmagier nach der Herrschaft strebt, gibt es nur eine Hoffnung für die Freiheit: ein Bündnis zwischen dem Piratenfürsten der neun Meere und der gefürchteten Nebelkönigin. Ein rasantes Abenteuer voller Piraten, Flüche und Magie!
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
Über Die Nebelkönigin bin ich mehr oder minder zufällig gestolpert. Der Autor hat das Buch auf Instagram beworben, und normalerweise bin ich bei Eigenwerbung eher vorsichtig. Aber das Cover war ansprechend, der Klappentext hat mich sofort abgeholt – also, was kann schon schiefgehen. Tatsächlich war das einer dieser seltenen Momente, in denen der spontane Griff genau der richtige war. (Nachdem ich in der letzten Zeit leider schon öfter Bücher aus dem Selfpublishing abbrechen musste, weil gefühlt nicht einmal eine einzige Person irgendwann einmal gegengelesen hat. Und das tut mir wirklich Leid für die Vielzahl an Autorinnen und Autoren dort draußen, die deshalb in der Menge untergehen, obwohl sie gute Werke veröffentlichen.)
Was mich direkt überzeugt hat: Das Buch wirft einen mitten ins Abenteuer. Kein langes Durchkämpfen durch 25 Prozent Vorgeschichte uns Namenslisten, die man sich erst mühsam merken muss. Stattdessen ein schneller, klarer Einstieg, der sofort zeigt, worum es geht und wohin die Reise führt. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen, weil es dem Roman eine Dynamik verleiht, die man sonst oft erst spät bekommt.
Auch die Struktur funktioniert hervorragend. Die Kapitel sind so gesetzt, dass man automatisch „nur noch eins“ lesen will, und der leichte Perspektivwechsel zwischen den Figuren ist genau an den Stellen eingebaut, an denen er Spannung erzeugt, statt sie zu bremsen. Das ist handwerklich sauber gemacht und sorgt dafür, dass man am Ball bleibt – und mitfiebert.
Figuren, die tragen und Raum, der noch genutzt werden könnte
Die Stärke des Buches liegt eindeutig in seinen Figuren. Jhonna, Lucien, Basileos und Angus: Sie alle funktionieren für sich, ohne dass man das Gefühl hat, jemand müsse künstlich in den Vordergrund geschoben werden, um irgendeine Art von Handlung am Leben zu halten. Besonders angenehm: Es gibt keine erzwungene Liebesgeschichte, die nur existiert, weil das Genre sie angeblich verlangt. Stattdessen stehen die Figuren in ihren jeweiligen Kapiteln für sich, mit eigenen Motiven, eigenen Schwächen, eigenen Entscheidungen.
Trotzdem gibt es Punkte, an denen ich mir mehr Tiefe gewünscht hätte. Einige Entwicklungen wirken etwas konstruiert, als müsse die Handlung unbedingt an einen bestimmten Punkt gelangen, egal wie viele Details dabei unter den Tisch fallen. Gerade Jhonnas Eltern hätten mehr Raum verdient, ebenso Luciens Vergangenheit, die zwar angerissen wird, aber noch viel Potenzial gehabt hätte. Auch Angus hat Luft nach oben – da steckt mehr drin, als letztendlich genutzt wird.
Das schmälert den Gesamteindruck nicht massiv, aber es sind genau die Stellen, an denen ich gemerkt habe: Hier wäre noch Platz gewesen, um die Welt und ihre Figuren noch lebendiger zu machen. Oder sich vielleicht Raum für eine Fortsetzung zu schaffen. (Ich würde es auf jeden Fall kaufen!)
Gut ausgenutzter Spannungsbogen
Ab der Hälfte zieht der Spannungsbogen deutlich an. Die Schlacht, die Enthüllungen rund um Lucien, der finale Kampf – das alles ist gut gesetzt, gut getaktet und sorgt dafür, dass man das Buch kaum noch weglegen kann. Jamie Fowl versteht es, Tempo aufzubauen, ohne ins Chaos zwischen den Handlungssträngen und Figuren abzurutschen. Die Welt der neun Meere, die Stürme, die herumtreibenden Inseln, der Orden der Wellenmagier – all das wirkt atmosphärisch dicht, ohne kitschig und unnötig überladen zu sein.
Besonders gelungen ist, dass der Roman in sich abgeschlossen ist. Man bekommt ein vollständiges Abenteuer, ein rundes Ende und keine künstlich gestreckte Reihe. Und trotzdem: und das ist der Punkt, der mich ein wenig wehmütig zurückgelassen hat, hätte ich gerne weitergelesen. Ich würde gerne wissen, wie Basileos Weg weitergeht. Was aus Jhonna und Lucien wird. Wie sich die Welt nach den Ereignissen verändert. Man ist so daran gewöhnt, dass Fantasy automatisch Fortsetzungen bekommt, dass es fast ungewohnt ist, wenn ein Buch einfach fertig ist. Und ja, ein bisschen traurig war ich darüber.
Fazit
Die Nebelkönigin ist ein Roman, der mich überrascht hat. Der Einstieg packt sofort, die Struktur hält die Spannung, die Figuren tragen die Handlung, und die Welt ist atmosphärisch genug, um Bilder im Kopf zu erzeugen, ohne sich in Details zu verlieren.
Ja, an einigen Stellen hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht. Ja, manche Entwicklungen wirken etwas konstruiert. Aber im Gesamtbild ist das ein Fantasy-Abenteuer, das genau das liefert, was es verspricht: Spannung, Magie, Intrigen, Seefahrerflair und Figuren, die man gerne begleitet.
Und vielleicht ist es sogar ein Pluspunkt, dass es kein offenes Ende gibt, das einen zwingt, auf Band zwei zu warten. Auch wenn ich persönlich sofort weiterlesen würde, wenn es doch noch eine Fortsetzung gäbe.
Ein Buch, das man schnell verschlingt, das Spaß macht, das mitreißt und das zeigt, dass gute Fantasy nicht immer episch ausufern muss.