Maximilian Pollux
Die Zimtrevolution
Eine außergewöhnliche Weihnachtsgeschichte
Als die neunjährige Lea herausfinden will, wer wirklich die Weihnachtsgeschenke bringt, steht sie auf einmal vor einer noch größeren Herausforderung: sie muss das Weihnachtsfest retten!
Der Weihnachtsmann wurde nämlich vom fiesen Steuerbeamten Zwickenpflug entführt. Eine abenteuerliche Befreiungsmission beginnt. Können Lea und die beiden Elfen Rink und Tink das Weihnachtsfest retten?
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
„Die Zimtrevolution“ von Maximilian Pollux, illustriert von Juli Waich, ist kein gewöhnliches Weihnachtsbuch. Es ist ein lautes, actionreiches Plädoyer für Zivilcourage und den Kampf gegen Bürokratie, verpackt in eine rasant erzählte Kindergeschichte. Das Buch ist in meinen Augen auch dadurch faszinierend, weil es die unkonventionelle Haltung seines Autors, eines ehemaligen Straftäters und heutigen Anti-Gewalt-Trainers, direkt in die Welt der Kinderliteratur transportiert.
Meine Begegnung mit dem Buch war eher zufällig: Bei meiner Cousine, die selbst im pädagogischen Bereich arbeitet, entdeckte ich es auf dem Tisch. Ich blätterte durch die ersten Seiten, las dann noch ein paar mehr und war direkt eingetaucht in der humorvollen, aber pointierten Erzählweise. Natürlich musste ich es mir ausleihen und habe es dann an zwei Abenden quasi in einem Zug durchgelesen. Es ist ein Pageturner, der nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene mit einem Faible für unkonventionelle Geschichten begeistert.
Der Autor: Maximilian Pollux
Maximilian Pollux, heute Anti-Gewalt-Trainer und Gründer des Vereins „Sichtwaisen“, verbrachte einen Großteil seiner Jugend und frühen Erwachsenenjahre im kriminellen Milieu. Drogen- und Waffenhandel, räuberische Erpressung – das war sein Lebenslauf, der mit 21 Jahren in einer über zehnjährigen Haftstrafe gipfelte, wovon er sieben Jahre in Isolationshaft in einem Hochsicherheitsgefängnis erlebte.
Er wuchs in einem Nürnberger Brennpunktbezirk auf, erfuhr früh Ablehnung und fand Anerkennung nur in der Kriminalität. Das Gefängnis, so beschreibt er es, war für ihn zunächst kein Ort der Reflexion, sondern ein Ort, an dem er sich „anpassen“ und als „Gangster“ beweisen musste.
Der unglaubliche Kontrast: Dieser Mann, dessen früheres Leben von Rebellion gegen staatliche Ordnung, Gesetzlosigkeit und Härte bestimmt war, schreibt nun ein Buch, das Kinder dazu ermutigt, sich gegen ungerechte Autorität aufzulehnen – aber mit Witz, Verstand und Mut, statt mit Gewalt. Die „Zimtrevolution“ ist damit mehr als eine Weihnachtsgeschichte; sie ist eine Bild seiner Lebenserfahrung, die er in eine positive, präventive Botschaft umwandelt: Steh auf, wenn Unrecht geschieht, und kämpfe für das, woran du glaubst.
Die Handlung: Der Kampf um Weihnachten
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die neunjährige Lea, ein Mädchen, das fest an den Weihnachtsmann glaubt, obwohl ihre Klassenkameraden dies längst als kindlichen Aberglauben abtun. Ihre Suche nach der Wahrheit, wer denn nun wirklich die Weihnachtsgeschenke bringt, führt sie direkt in das Zentrum der Krise.
Dort agiert der Antagonist der Geschichte: Der fiese, engstirnige Steuerbeamte Zwickenpflug. Zwickenpflug hat eine perfide Idee: Da der Weihnachtsmann jährlich Geschenke in Milliardenwert verteilt, ohne dafür Steuern zu zahlen, muss er verhaftet werden! Aus Zwickenpflugs Sicht ist der Weihnachtsmann ein massiver Steuerhinterzieher.
In einer waghalsigen Aktion bei der Festnahme des „Weihnachtsmanns“ versteckt sich Lea in einem Geschenkesack, der – als Beweismittel – ins Finanzamt gebracht wird. In der Asservatenkammer trifft sie auf die beiden grünen und vor allem felligen Elfen Rink und Tink, die gekommen sind, um den Weihnachtsmann auf eigene Faust zu befreien.
Von nun an entwickelt sich die Geschichte zunehmend Tempo im Geschehen. Es geht darum, das System auszutricksen, den Weihnachtsmann zu befreien und die Bescherung zu retten. Der Zusammenhalt von Lea, den Elfen und einigen unerwarteten Verbündeten wird auf die Probe gestellt. Es ist ein turbulentes Abenteuer, bei dem Mut und schlagfertige Ideen wichtiger sind als rohe Gewalt.
Mut, Widerstand und die Kraft des Unentgeltlichen
Die „Zimtrevolution“ ist reich an thematischen Ebenen, die weit über eine typische Weihnachtsgeschichte hinausgehen – zumindest in meiner Interpretation. Ich glaube, ein Kind, sieht weniger Symbolik in der ganzen Thematik:
- Zivilcourage und „Girlpower“
Maximilian Pollux legt den Fokus auf die Protagonistin Lea. Sie ist mutig, entschlossen und lässt sich von den Erwachsenen nicht einschüchtern. Die Geschichte vermittelt eine starke Botschaft der „Girlpower“ und der Zivilcourage: Es spielt keine Rolle, wie klein oder jung du bist; wenn du siehst, dass etwas nicht richtig läuft, hast du die Verantwortung, dich einzusetzen. Pollux, dessen eigene Jugendarbeit darauf abzielt, Jugendlichen Selbstwirksamkeit und Alternativen zur Gewalt zu zeigen, nutzt Lea als leuchtendes Vorbild.
- Die Kritik an der Bürokratie
Der Kernkonflikt, der Kampf gegen den Steuerbeamten Zwickenpflug, stellt die sterile, kleinkarierte Logik der Bürokratie der Magie, der Großzügigkeit und dem Geist des Schenkens gegenüber. Zwickenpflug repräsentiert eine kalte, freudlose Haltung.
Achtung-Spoiler: Ja, ich bin die Person, die immer sagt, dass in Handlungen Kinder nicht in Gefahr gebracht werden sollen, wenn es dann keine Konsequenzen gibt, dass Zwickenpflug aber Lea wirklich aus dem Helikopter wirft, warf dann jedoch auch für mich eine Überraschung.
- Improvisation und ein Hauch von Chaos
Die Elfen sind nicht die perfekten, fleißigen Helfer, die man erwartet. Sie sind ein wenig durchgeknallt und sorgen für jede Menge Chaos. Ihre Befreiungsaktion ist chaotisch, aber effektiv. Das Buch zeigt, dass man nicht perfekt sein muss, um Gutes zu tun, und dass gerade unkonventionelle Lösungen auch zum Ziel führen. Und dann sind da noch die … Nachwuchsrentiere: E-Mail, Blogger und Raiden. (Nicht solche Spießer wie die Originalen-Rentiere!)
Zielgruppe: Eine Altersdiskussion
Die allgemeine Leseempfehlung wird oft mit „ab 6 Jahren“ von Communitys angegeben, offiziell habe ich ab 7 Jahren gefunden, was ich nach der Lektüre trotzdem kritisch sehe. Zwar sind die Illustrationen von Juli Waich fantasievoll und kindgerecht, aber die thematische Komplexität des Buches sollte nicht unterschätzt werden. Allein die Detailvielfalt in den Bildern, die sich über Doppelseiten erstrecken sind in sich schon jeweils kleine Kunstwerke.
Die Kernhandlung dreht sich um Steuerhinterziehung, Verhaftung und ein korruptes Beamtentum. Diese Konzepte sind für einen Sechsjährigen nur schwer zu greifen. Die feinen Nuancen der Systemkritik und der Bürokratensatire können von sehr jungen Lesern nicht voll erfasst werden. Einige Textpassagen und Kapitel sind sprachlich auch anspruchsvoller und erfordern eine höhere Lesekompetenz, wenn das Kind das Buch selbst lesen soll.
Ich würde daher eine Leseempfehlung ab 8 Jahren oder, um die Thematik wirklich vollständig zu durchdringen, sogar ab 10 Jahren für sinnvoller halten. Ab diesem Alter können Kinder die metaphorische Ebene besser verstehen und die moralische Botschaft bewusster auf ihre eigene Lebenswelt übertragen, etwa im Umgang mit Ungerechtigkeiten in der Schule oder dem Sportverein.
Unabhängig vom Alter ist das Buch jedoch ein großartiges Buch für die gesamte Familie.
Fazit und Empfehlung
„Die Zimtrevolution“ ist ein durch und durch gelungenes, spannendes und wichtiges Buch. Es bricht mit den Erwartungen an eine traditionelle Weihnachtsgeschichte und liefert stattdessen eine actiongeladene Lektion in Sachen Courage und Integrität. Der unkonventionelle Hintergrund des Autors verleiht der Geschichte eine überraschende Tiefe und Authentizität, wenn es darum geht, sich gegen übermächtige Systeme zu stellen.
Das Buch ist ein Muss für alle, die eine Weihnachtsgeschichte suchen, die nicht nur glitzert, sondern auch Ecken und Kanten hat. Es inspiriert junge Leser dazu, ihre Stimme zu erheben und an das Gute zu glauben – selbst, wenn das Finanzamt droht. (Ich überlege bei der nächsten Steuererklärung auch mit Schneebällen und Textbannern auch gegen das System vorzugehen, wenn wieder einmal 0,47 Cent einer Gutschrift gesucht werden, die mir schlaflose Nächte bereitetet haben…)