Lia K. Gatsby
Dolcezza
Frozen Flame
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
Das Buch „Dolcezza“ von Lia K. Gatsby hat mich über ein Gewinnspiel erreicht. Es handelt sich um den ersten Band einer Dark Romance Reihe, die zugleich (wie ich finde) leichte Elemente eines Thrillers trägt. Die Geschichte spielt in New York und führt zwei Perspektiven zusammen, die von Beginn an unterschiedliche Welten repräsentieren. Emma bewegt sich in einem alltäglichen Umfeld mit Beruf, Freundinnen und einer gemeinsamen Wohnung. Craft gehört einer Organisation an, deren Strukturen und Regeln von Anfang an spürbar bleiben, ohne dass alles sofort ausformuliert wird. Die Verbindung der beiden entsteht nicht aus einer plakativen Ausgangssituation, sondern aus einer Begegnung, die schrittweise Konsequenzen nach sich zieht. Als Debüt einer Reihe legt der Band den Grundstein für Figuren, Setting und Konflikte, die in den kommenden Teilen weitergeführt werden sollen.
Handlung (spoilerfrei)
Emma führt ein weitgehend geregeltes Leben, typisch für eine Großstadt wie New York. Sie arbeitet in einer Kanzlei, teilt sich eine Wohnung mit Freundinnen und bewegt sich in einem Alltag, der zunächst wenig spektakulär wirkt. In einem Kino fällt ihr ein Mann auf, der sich von der üblichen Umgebung abhebt. Craft beobachtet sie ebenfalls, folgt jedoch eigenen Regeln und gehört einer geschlossenen Einheit an, die unter dem Namen Forsyth Unit operiert und mit dem Obsidian verbunden ist. Was genau hinter diesen Bezeichnungen steckt, bleibt lange Zeit nur angedeutet. Es gibt Codename, Hierarchien und Einsätze, die von den Beteiligten mit einer Mischung aus Routine und Vorsicht behandelt werden.
Die Handlung entwickelt sich aus dem Moment, in dem Emmas und Crafts Wege sich kreuzen und nicht mehr getrennt werden können. Craft handelt aus Motiven, die zunächst dem Schutz und der Kontrolle zu dienen scheinen. Emma gerät dabei in einen Kreis, aus dem ein einfacher Ausstieg nicht mehr möglich ist. Ein zentrales Ereignis, das als The Exchange bezeichnet wird, markiert einen deutlichen Wendepunkt. Ab diesem Punkt ist klar, dass die bisherige Trennung zwischen ihrem Alltag und seiner Welt nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Craft zieht sie enger an sich, was zugleich Schutz und Einbindung bedeutet. Die Geschichte wechselt regelmäßig die Perspektiven und greift Szenenenden oft aus dem jeweils anderen Blickwinkel erneut auf. Dadurch entsteht ein fortlaufendes Wechselspiel zwischen dem, was Emma wahrnimmt, und dem, was Craft weiß oder plant. Die Handlung bleibt in Band 1 bewusst offen, legt aber die Mechanismen der Organisation, die Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren und die Konsequenzen ihrer Verbindung an.
Charaktere und Entwicklung
Craft entspricht in vielen Punkten dem typischen Bild eines Dark Romance Protagonisten. Er ist besitzergreifend, eifersüchtig, zurückhaltend mit Informationen und gleichzeitig fordernd. Seine Handlungen folgen einer internen Logik der Unit, die für Außenstehende schwer nachvollziehbar bleibt. Er spricht in kurzen Sätzen, trifft Entscheidungen ohne längere Erklärungen und hält Distanz, solange es ihm nützlich erscheint. Gleichzeitig zeigt er Ansätze von Fürsorge, die eng mit Kontrolle verknüpft sind. Seine Vergangenheit und die genaue Natur seiner Tätigkeit werden nur fragmentarisch angedeutet. Ob es sich um Organhandel, Menschenhandel oder eine andere Form illegaler Geschäfte handelt, bleibt im ersten Band weitgehend offen. Diese Unschärfe gehört zum Konzept, erschwert aber eine tiefere Einschätzung seiner Motivation.
Emma beginnt als jemand, der in einem normalen Umfeld verwurzelt ist. Sie reagiert auf die Ereignisse mit einer Mischung aus Überforderung, Neugier und dem Versuch, sich zu behaupten. Zwischendurch setzt sie Grenzen, gibt dann aber nach, wenn der Druck steigt. Ihre innere Auseinandersetzung mit der Situation wirkt glaubwürdig, weil sie nicht sofort in Bewunderung oder Ablehnung kippt. Sie hadert, analysiert und passt sich an. Die Entwicklung beider Figuren bleibt im ersten Band eher andeutungsweise. Es gibt kaum längere Rückblicke oder Erklärungen, die ihre Entscheidungen in einen breiteren biografischen Kontext stellen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Bindung an die Figuren noch wachsen muss. Nebenfiguren wie Ghost tauchen regelmäßig auf und erfüllen funktionale Rollen innerhalb der Unit. Viele andere Namen und Bezeichnungen bleiben jedoch flüchtig, weil sie nur einmal oder selten erwähnt werden und ich mir tatsächlich auch die Fülle an Namen zu Beginn nicht merken konnte.
Schreibstil, Worldbuilding usw.
Der Schreibstil setzt stark auf Dialoge und kurze, prägnante Sätze. Das verleiht dem Text ein hohes Tempo und eine direkte, klare Wirkung. Viele Passagen bestehen aus knappen Aussagen, Einwortsätzen und direkten Erklärungen, die über Gespräche vermittelt werden. Vergleiche kommen häufig vor und unterstützen dabei, Stimmungen oder Dynamiken schnell zu erfassen.
Das Show‑don’t‑tell wird eher selten eingesetzt, wodurch vieles sehr deutlich benannt und kommentiert wird. Das sorgt für Verständlichkeit und ein zügiges Vorankommen der Handlung, lässt aber weniger Raum für atmosphärische Zwischentöne. An einigen Stellen könnten zusätzliche sinnliche Details oder kleine Beobachtungen helfen, das Setting noch greifbarer zu machen, etwa die Beschaffenheit eines Raums, Geräusche, innere Monologe oder ein Lichtmoment. Schon ein winziges Detail wie ein Staubkorn auf einer Oberfläche könnte genügen, um dem Ort mehr Präsenz zu geben.
Insgesamt entsteht ein dynamischer, dialoggetriebener Stil, der die Handlung klar voranbringt. Mit ein paar gezielten Ruhepunkten ließe sich zusätzlich Atmosphäre schaffen, ohne das Tempo zu verlieren.
Das Worldbuilding rund um die Forsyth Unit und das Obsidian folgt einem klaren Muster. Das Obsidian wird als mehr als nur ein Club dargestellt, nämlich als ein eigenes System. Welche Regeln, Hierarchien und wirtschaftlichen Hintergründe dieses System prägen, bleibt an einigen Stellen bewusst offen. Die Unit arbeitet mit Codenamen und klaren internen Abläufen, was eine strukturierte Organisation vermittelt. Gleichzeitig werden die konkreten Geschäfte und die Rolle der Partner beim Exchange nur angedeutet.
Diese Zurückhaltung erzeugt Spannung, weil vieles im Verborgenen bleibt. Gleichzeitig führt sie dazu, dass Leser nur begrenzt greifen können, wie groß die Bedrohung ist oder wie die Logik der Organisation funktioniert. Mit ein paar zusätzlichen Einblicken ließe sich das vorhandene Potenzial noch stärker nutzen, ohne die geheimnisvolle Wirkung zu verlieren.
Die Perspektivwechsel sind formal sehr sauber umgesetzt. Szenenenden werden häufig aus der jeweils anderen Sicht weitergeführt, was den Überblick erleichtert und die unterschiedlichen Informationsstände klar nachvollziehbar macht. Insgesamt wirkt der Stil zielgerichtet und flüssig lesbar. Gleichzeitig bleibt die Beschreibungsebene bewusst zurückhaltend, was für ein fokussiertes, schnelles Leseerlebnis sorgt, aber an einzelnen Stellen noch Raum für zusätzliche atmosphärische Details lassen könnte.
Meinung (mit Spoilern)
Die Grundidee trägt. Es ist erfrischend, dass die Geschichte nicht auf die üblichen Extreme setzt, bei denen Gewalt und Unterwerfung als zentrale erotische Triebkräfte inszeniert werden. Stattdessen entsteht die Spannung aus der schrittweisen Einbindung Emmas in eine Welt, die sie nicht kennt und aus der sie nicht mehr herauskommt. Crafts Entscheidung, sie an sich zu binden, um sie zu schützen, und sie gleichzeitig in die Strukturen der Unit zu ziehen, funktioniert als dramaturgischer Motor. Der Exchange markiert den Punkt, an dem die Grenze endgültig überschritten wird. Ab hier ist klar, dass Emma keine Außenstehende mehr ist.
Gleichzeitig bleiben einige Leerstellen bestehen. Die genaue Tätigkeit der Unit und die Natur ihrer Geschäfte werden nicht konkret benannt. Das kann bewusst gesetzt sein, um die Reihe offen zu halten, nimmt der emotionalen Tiefe aber etwas Raum. Wenn Figuren sterben oder in Gefahr geraten würden, könnte die Reaktion eher nüchtern bleiben, weil bisher wenig Hintergrund etabliert ist, der eine stärkere Bindung ermöglicht. Die vielen Namen und Funktionen zu Beginn wirken eher fordernd, statt sofort ein lebendiges Netzwerk zu formen; nur wenige wie Ghost bleiben klar im Gedächtnis.
Der dialoglastige Stil und die kurzen Sätze treiben die Handlung spürbar voran, erzeugen aber gelegentlich den Eindruck von Eile. Ein paar ruhigere, längere Beschreibungen könnten hier ein gutes Gegengewicht schaffen und dem Setting wie auch den inneren Zuständen der Figuren mehr Raum geben. Die Perspektivwechsel sind formal gelungen und sorgen dafür, dass Informationen nicht einseitig bleiben. Dennoch würde an manchen Stellen etwas mehr Tiefe in den Figuren selbst dazu beitragen, dass ihre Beziehungen und die Konsequenzen ihrer Entscheidungen noch stärker wirken.
Fazit
„Dolcezza“ legt als erster Band einer Reihe den Grundstein für eine Geschichte, die Dark Romance mit thrillerartigen Elementen verbindet. Die Idee, eine Zivilistin in ein undurchsichtiges System zu ziehen, ohne auf die üblichen Extremmuster zurückzugreifen, trägt. Craft und Emma funktionieren als Gegensatzpaar, und die Perspektivwechsel halten die Erzählung in Bewegung. Gleichzeitig bleibt vieles bewusst unscharf, was die emotionale Bindung an Figuren und Setting erschwert. Der Schreibstil ist klar und zügig, verzichtet aber auf die beschreibende Dichte, die dem Ganzen mehr Gewicht geben könnte. Für ein Debüt zeigt der Band Potenzial, das in den Fortsetzungen noch entfaltet werden kann.