StoryScan

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© arsEdition, Svetlana Belyaeva

Adrienne Young​

Fable – Der Gesang des Wassers

Band 1 (von 2)

Originaltitel: Fable | Übersetzt von: Elisabeth Schmalen
 ‎ arsEdition GmbH (2024) | 352 Seiten | 18,00 €
ISBN: 978-3-8458-5643-8
Genre: Romance, Fantasy, Abenteuer, Piraten, Young Adult, Coming-Of-Age | Altersempfehlung: ab 14
Klappentext:

Eine mutige Frau, ein geheimnisvoller Mann und die Gefahren des Meeres …

Fable ist eine Kämpferin. Seit sie als Kind von ihrem Vater ausgesetzt wurde, schlägt sie sich als Schürferin von wertvollen Steinen durch. Als sie eines Tages auf dem Handelsschiff von West anheuert, sieht sie eine Möglichkeit, ihren Vater zu finden und ihren rechtmäßigen Platz als seine Erbin einzunehmen. Doch das Meer und die, die es befahren, sind gefährlich. Und auch West ist nicht der, der er zu sein scheint. Fable muss um das kämpfen, was ihr gehört und was ihr Herz gern möchte …

Der Auftakt einer magischen Romantasy-Dilogie, voller Abenteuer, Drama und einer Slow-Burn-Romance zum Mitfiebern!

Kurzbewertung

Handlung & Spannung:

Idee & Originalität:

Cover & Aufmachung:

Charaktere & Entwicklung:

Schreibstil & Sprache:

Gesamtbewertung:

„Fable – Der Gesang des Wassers“ ist der Auftakt einer Dilogie, die sich auf den ersten Blick als Abenteuerroman präsentiert, aber im Kern viel stärker von Fragen nach Herkunft, Loyalität und Selbstbehauptung getragen wird. Noch bevor die Handlung einsetzt, fällt die Gestaltung des Buches ins Auge: das geteilte Cover, das erst mit dem zweiten Band ein vollständiges Gesicht ergibt, wirkt wie ein Hinweis darauf, dass Fable selbst ein Mensch ist, der erst im Verlauf der Geschichte zu einer Form findet, die sie selbst als vollständig begreifen kann. Die rote Lockenmähne, die so präsent auf dem Umschlag liegt, bricht mit den üblichen maritimen Motiven, die man bei einem Roman dieser Art fast automatisch erwarten würde.

Ein Leben, das aus Mangel entstanden ist

Die Ausgangssituation ist schnell erzählt, aber sie trägt eine Schwere, die den gesamten Roman durchzieht. Fable wurde von ihrem Vater Saint auf Jeval zurückgelassen, einer Insel, die weniger ein Ort zum Leben als zum Überleben ist. Seit vier Jahren hält sie sich dort als Schürferin über Wasser, taucht nach Edelsteinen, verkauft sie an Händler, spart jeden Kupferrest, um sich eine Überfahrt leisten zu können. Ihr Ziel ist klar, aber es ist kein romantisches Ziel: Sie will zurück zu dem Mann, der sie verlassen hat.

Fable ist keine Figur, die durch besondere Kräfte definiert wird. Ihre Gabe, Edelsteine zu spüren, ist eher ein feines Gespür als ein magischer Vorteil. Was sie charakterlich trägt, ist ihre Hartnäckigkeit, die manchmal in Leichtsinn kippt, aber nie in dumme Naivität. Sie ist impulsiv, verletzlich, wütend, und gleichzeitig jemand, der gelernt hat, dass man in einer Welt wie dieser nur weiterkommt, wenn man sich selbst nicht aufgibt.

Die Chance, Jeval zu verlassen, ergibt sich durch West, den Kapitän eines Handelsschiffs. Doch die Überfahrt ist kein Befreiungsmoment, sondern der Beginn eines neuen Abenteuers, in dem Fable ihren Platz erst finden muss. Die Crew begegnet ihr mit Vorsicht, und das Meer selbst ist ein ständiger Gegner. Die Marigold wirkt weniger wie ein Schiff als wie eine eigene Heimat und ein zuhause.

Zwischen Nähe und Distanz: Figuren, die sich nicht erklären müssen

Die Nebenfiguren tragen viel zur Wirkung der Geschichte bei, weil sie nicht wie zufällige Ergänzungen wirken. West, Willa, Auster, Paj und Hamish haben jeweils ihre eigenen Rollen an Bord, und man merkt schnell, wie eingespielt dieses Gefüge ist. Die Art, wie sie miteinander umgehen, wie sie Entscheidungen treffen oder sich gegenseitig korrigieren, macht die Marigold zu einem Ort, der sich geschlossen anfühlt. Fable muss sich in dieses System erst einfügen, und genau daraus entsteht die Spannung zwischen ihr und der Crew — nicht aus großen Konflikten, sondern aus der Frage, wie viel Platz sie in diesem bestehenden Alltag bekommt.

Die Beziehung zwischen Fable und West entwickelt sich dabei langsam, fast zögerlich. Es gibt keine erzwungenen Liebesszenen, keine künstlich aufgeblasenen Konflikte. Stattdessen entsteht etwas, das sich aus Momenten zusammensetzt, die man leicht übersehen könnte, die aber genau deshalb glaubwürdig sind. Die Romantik bleibt im Hintergrund, und gerade dadurch wirkt sie stärker, weil sie nicht versucht, die Handlung zu dominieren.

Fable selbst bleibt der Kern des Romans. Ihre Suche nach Zugehörigkeit, ihr Wunsch nach Kontrolle über das eigene Leben und die Angst, erneut fallen gelassen zu werden, verleihen der Geschichte eine Tiefe, die über das reine Abenteuer hinausgeht. Sie ist eine Figur, die nicht durch Perfektion überzeugt, sondern durch die Art, wie sie mit ihren Fehlern lebt.

Eine Welt, die atmet, ohne sich aufzudrängen

Adrienne Young schreibt in einem Stil, der klar und zugänglich ist, ohne an Atmosphäre zu verlieren. Die Welt ist maritim, rau, einfach piratig und ein bisschen derb. Inseln, Riffe, Märkte, Schiffe – all das wirkt greifbar, ohne dass es sich in unnötigen Details verliert. Die Spannung entsteht nicht aus großen Effekten, sondern aus Entscheidungen, aus Konsequenzen, aus der ständigen Frage, wem man in dieser Welt überhaupt trauen kann.

Nach einem ruhigeren Einstieg zieht die Handlung spürbar an, und ab einem bestimmten Punkt liest sich das Buch wie eine Fahrt, bei der man nicht mehr aussteigen möchte, weil man wissen will, wie weit Fable gehen kann, bevor das gesamte neue Konstrukt, das sie sich aufgebaut hat, zusammenbricht.

Der Roman ist eindeutig im Young‑Adult‑Bereich verortet, aber er verlässt sich nicht auf typische Genreformeln. Das Coming‑of‑Age‑Element ist präsent im Hintergrund. Es geht um Selbstbehauptung, um Herkunft, um die Frage, wie viel man bereit ist zu riskieren, um sich selbst noch treu zu bleiben.

Fazit: Gelungener Auftakt

„Fable – Der Gesang des Wassers“ eröffnet die Dilogie mit einer Geschichte, die sich nicht über große Effekte definiert, sondern über die Art, wie sie sich entfaltet. Die Figuren stehen im Mittelpunkt, und vieles von dem, was das Buch ausmacht, entsteht aus ihren Entscheidungen und den Wegen, die sie gehen müssen. Die Welt ist klar gezeichnet, ohne sich aufzudrängen, und der Erzählton bleibt ruhig, selbst in Momenten, in denen die Handlung anzieht. Der Roman nimmt sich die Zeit, Fable als Figur zu entwickeln, und genau darin liegt seine Stärke.

Der Cliffhanger am Ende ist hart, aber er passt zu einer Geschichte, die von Entscheidungen lebt, die selten einfach sind. Fables Weg ist mit diesem Band nicht abgeschlossen – er beginnt erst.

 

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Fable – Das Geheimnis der Mitternacht (2) – StoryScan
2 Monate zuvor

[…] Link zur Review zu Band 1 […]

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