StoryScan

kissofthorns
© Lycrow Verlag

Liz Rosen

Kiss of Thorns

Im Schlaf kannst du nicht fliehen.

Lyycrow Verlag (2025) | 420 Seiten
ISBN: ‎ 978-3-690-28537-7
Genre: Dark-Romance, Märchen-Retelling | Altersempfehlung: ab 18
Klappentext:

Ein Kuss, der sie erlösen sollte, wurde ihr Todesurteil.

Seit Jahrhunderten erzählt man sich die Legende von Aurora, der Prinzessin, die in einem Turm aus Dornen auf den Kuss ihres Retters wartet. Jeder Mann, der ihr jedoch zu nahekommt, findet den Tod.

Als der verbitterte Hexenjäger Corvin das verfallene Schloss betritt, sucht er kein Märchen. Er will Vergeltung an der Fee üben, die ihm einst alles genommen hat. Doch seine Rache kostet ihn mehr, als er ahnt: sein Herz.

Denn der Fluch ist eine Lüge. Die Fee ist nie Auroras Feindin gewesen, die Dornen ihr einziger Schutz. Und nun, da Corvin ihn zerstört hat, bleibt ihm nur, die Prinzessin zu beschützen, auch wenn ihm droht, noch einmal alles zu verlieren.

Der märchenhafte Einzelband aus der Feder von Liz Rosen. Düster, romantisch und magisch. Mit expliziten Szenen und spitzen Dornen, die dich zum Bluten bringen werden.

Kurzbewertung

Handlung & Spannung:
gut platzierte Wendungen

Idee & Originalität:
Retelling, aber mit neuen Ideen

Cover & Aufmachung:
optisch stark, hochwertig, passend zum Inhalt

Charaktere & Entwicklung:
interessant, aber durch die Epos-Struktur teils distanziert

Schreibstil & Sprache:
handwerklich top, klar, zugänglich, atmosphärisch

Gesamtbewertung:

„Kiss of Thorns“ von Liz Rosen ist ein fesselndes Fantasy-Dark-Romance-Retelling des klassischen Märchens „Dornröschen“, das die bekannten Elemente mit dunkleren, psychologischen Tiefen und einer Prise moderner Sensibilität aufmischt. Die Autorin schafft hier eine Welt, in der Magie, Rache und Liebe ineinander verwebt sind und es unterscheidet sich zu anderen Retellings durch seinen Fokus auf Themen wie Missbrauch, familiäre Trauma und die Grauzonen der Moral. Als Leser, der Märchen liebt, aber oft die flachen Charaktere bemängelt, war ich neugierig, ob Rosen es schafft, die Prinzessin aus ihrem Schlaf zu wecken – nicht nur wörtlich, sondern auch metaphorisch. Die Geschichte spannt sich über Jahrhunderte und verbindet Vergangenheit und Gegenwart zu einem epischen Bogen, der die Konsequenzen von Machtmissbrauch beleuchtet.

Handlung

Die Handlung beginnt mit einer vertrauten Szene: In der Nacht der Geburt der Prinzessin Aurora kehrt die böse Fee Nerezza zurück, um Rache am König zu üben. Wie im Originalmärchen laden zwölf gute Feen ein, um dem Kind Gaben zu schenken, doch die letzte kann ihre nicht mehr aussprechen, als Nerezza erscheint. Der Fluch ist klassisch – am 16. Geburtstag soll Aurora sich an einer Spindel stechen und sterben. Doch der Hintergrund ist komplexer: Das Königreich zittert unter der Drohung eines Bürgerkriegs, das Königspaar ist alt und kinderlos gewesen, und Auroras Geburt ist ein Hoffnungsschimmer. Nerezza will das Kind aus Rache und verflucht es aus persönlichen Motiven.

Drei Feen – Rosalinda, Esmera und Azura – entführen das Baby in den Wald, um es zu retten, verstecken eine Hütte mit Zauber und erziehen Aurora fernab der Welt. Die letzte Fee mildert den Fluch: Statt Tod soll es ein tiefer Schlaf sein, bis der Kuss wahrer Liebe sie weckt. Nach diesem Prolog springen wir 116 Jahre vorwärts. Das Königreich ist im Krieg versunken, Armut und Hunger plagen die Menschen, und die Legende von Dornröschen ist nur noch ein fernes Märchen. Hier tritt Corvin auf den Plan, ein zynischer Protagonist, der weder an Romantik noch an wahre Liebe glaubt. Er bricht auf, um die dunkle Fee zu töten, getrieben von Verzweiflung – sein Leben hat keinen Sinn mehr und zu verlieren hat er auch nichts mehr. Corvin findet die schlafende Prinzessin, küsst sie wider besseres Wissen und … Aurora ist keineswegs die hilflose Prinzessin, die nur auf diesen einen Kuss gewartet hat.

Wir erfahren als Leser nach und nach die wahre Geschichte des Schlosses und der Bewohner, ebenso auch über den Fluch. Dabei ist der Begriff „Red Flag“ noch liebevoll. Selbst wenn ich schon als Kind Filipe, den Prinzen, nicht mochte, hatte ich keine Vorstellung davon wie man seine Geschichte noch wenden kann. Von der einzig wahren Liebe sind wir so weit entfernt und bewegen uns in Richtung emotionalem Missbrauch, Isolation und Druck. Ganz zu schweigen von Suzid- und Vergewaltigungsversuchen.

Eine Wendung erhalten wir dann in Bezug auf Nerezza. Dachte ich also die Geschichte könnte nicht noch düsterer werden, kann ich die Geschichte über die böse Fee noch nicht. Und liebe Leute – solltet ihr emotional nicht gänzlich stabil sein, ist dieses Buch wirklich nichts für euch. Selbst wenn wir in einem Happy End das Buch ausklingen lassen.

Schreibstil

Liz Rosens Schreibstil ist atmosphärisch und immersiv, mit einer Balance aus poetischer Beschreibung und direkter, moderner Dialogführung. Sie nutzt den Ich-Erzähler (wir begleiten Aurora und Corvin als Protagonisten), die nahtlos zwischen Charakteren wechselt, besonders in Corvins zynischen Gedanken und Auroras feurigen Monologen. Die Sprache ist reich an Bildern – der Wald wirkt lebendig und der Fluch wie ein pulsierendes Gift. Rosen vermeidet übermäßige Exposition; stattdessen enthüllt sie die Handlung schrittweise durch Dialoge, was Spannung aufbaut.

„Wahre Liebe entsteht nicht einseitig. Es braucht tiefe Verbundenheit. Vertrautheit. Nichts, das man aufbauen konnte, wenn das Gegenstück praktisch scheintot war.“ (Zitat, Corvin über die schlafende Aurora)

Das fühlt sich authentisch an. Der Stil ist flüssig, mit kurzen Sätzen in Action-Szenen und längeren in emotionalen Momenten. Allerdings könnte er für manche Leser zu düster sein, da Rosen nicht vor grafischen Beschreibungen von Missbrauch und Gewalt zurückschreckt – Triggerwarnungen finden sich im Buch. Insgesamt ist der Stil elegant, modern und perfekt für ein Adult-Fantasy-Publikum, das Tiefe sucht und nicht rot anläuft, wenn die Spicy-Szenen beginnen.

Charakterentwicklung

Die Charaktere in sind natürlich das Herzstück des Buches und zeigen beeindruckende Entwicklung. Wir beginnen mit Aurora als starke, selbstbestimmte Frau, erfahren aber auch viel über ihre frühere kindlich-naive Art bis hin zu ihrem verzweifelten Wunsch einfach nur bedingunglos geliebt zu werden. Corvin, der zynische „Held“, wächst durch Aurora: Von einem Mann ohne Glauben an Liebe wird er zu jemandem, der Verletzlichkeit zulässt. Seine anfängliche Unfähigkeit im Kampf unterstreicht, dass Helden nicht perfekt sein müssen. Nerezza, die „böse Fee“, ist die komplexeste Figur.

[Achtung SPOILER!] Von einer missbrauchten Kindheit geprägt, wird sie zur Antiheldin, deren Handlungen aus Schutz entstehen. Ihre Entwicklung von Opfer zu Rächende ist tragisch und machtvoll, zeigt, wie Trauma Zyklen fortdauern (bis über den Epilog hinaus).

Die drei guten Feen gingen mir – zugegeben – etwas auf die Nerven. Auch diese ständige Ebene der Moral und Tadelei und die Bissigkeit gegenüber Corvin. Aber man muss, zum Glück, auch nicht jede einzelne Figur mögen.

Persönliche Gedanken zur moralischen Grauzone (SPOILER!)

Die moralische Grauzone ist faszinierend und provokativ – besonders bei Nerezza. Sie zerstört Leben, Dörfer und Wissen, um zu verhindern, dass ihr Vater (oder ähnliche Tyrannen) Macht erlangen. Ist das gerechtfertigt? Auf einer Seite verstehe ich ihren Standpunkt: Nach Jahren des Missbrauchs, der Isolation und der Vergewaltigung durch den eigenen Vater ist ihr Handeln eine extreme Form der Selbstverteidigung und des Schutzes. Besser Tod als endlose Qual, denkt sie über Aurora. Das erinnert an philosophische Debatten wie bei Utilitarismus – opfert man Wenige, um Viele zu retten? Nerezzas Fluch ist kein purer Hass, sondern Verzweiflung. Doch die Konsequenzen sind fragwürdig: Sie verursacht Krieg, Hunger und Leid für Unschuldige. Wo endet Rache und wo beginnt Tyrannei? Rosen stellt keine einfachen Antworten, was ich schätze – es zwingt den Leser, mitzugrübeln. Persönlich finde ich es beunruhigend, wie weit man gehen darf: Nerezzas Zerstörung von Wissen (um Magie zu verhindern) könnte Fortschritt blocken, doch in einer Welt, wo Macht korrupt ist, wirkt es wiederum logisch.

Fazit

„Kiss of Thorns“ ist ein sehr gutes Retelling, das das Märchen auf den Kopf stellt und mit Themen wie Missbrauch, Liebe und Moral bereichert. Liz Rosen schafft eine Welt, die atemberaubend und brutal ist, mit Charakteren, die trotz allem im Kopf bleiben. Der Schreibstil ist fesselnd, die Handlung twistreich, und die Charakterentwicklung tiefgründig. Die moralische Grauzone regt zum Denken an. Und wie immer gilt: Die Spicy-Kapitel sind so platziert, dass man im Zweifel einfach weiter blättern kann, falls es zu viel ist.

0 0 Bewertungen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x