Manuel Schmitt alias SgtRumpel
Godmode
Der Videospiel-Prophet
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
Manuel Schmitt, einigen vielleicht bekannt als Autor, Regisseur, Drehbuchautor, Programmierer, Spieleentwickler, Komponist, Blogger, Hörspielsprecher, Werbevideoproduzent oder unter dem Namen SgtRumpel in der deutschen YouTube-Gaming-Szene, liefert mit „Godmode – Der Videospiel-Prophet“ einen Fantasy-Roman, der sich einem reizvollen Gedankenexperiment widmet: Wie sähe die moderne Welt ohne die Existenz von Videospielen aus?
Ich habe das Buch bereits 2024 gelesen, auch wenn jetzt erst die Rezension dazu hier im Magazin erscheint. Es reihte sich auch optisch so wunderbar in die kleine Sammlung an Romanen mit der Thematik rund ums Gaming ein, dass es mir jetzt erst wieder in die Hände gefallen ist. Allerdings ist dieses Thema tatsächlich einfach zeitlos und auch im Jahr 2025 eine wunderbare Lektüre abends auf dem Sofa, wenn man nicht gerade selbst am Zocken ist.
Das Cover-Design im Look eines alten Gameboys, komplett mit Pixelgrafik, ist für mich übrigens eines der Kriterien gewesen, weshalb ich dieses Buch gekauft habe – abgesehen natürlich vom Klappentext und der Thematik.
Der Reset-Knopf
Die Geschichte zentriert sich um Neil Desmond, eine gefeierte E-Sport-Legende, die unter dem Pseudonym Orkus666 bekannt ist. Nach einer desaströsen Niederlage gegen seine Erzrivalin KiraNightingale während der 5G World Championship in PentaGods verliert Neil die Fassung, randaliert und verflucht in seiner Wut die gesamte Spielewelt. Der Silvesterabend endet folglich in einer selbst gewählten Isolation.
Am folgenden Neujahrsmorgen erwacht Neil in einer fundamental veränderten Realität. In diesem „Paralleluniversum“ haben Videospiele nie existiert. Computer sind auf reine Datenverarbeitung reduziert, Entertainment findet anderswo statt. Der ehemals gefeierte Orkus666 ist in dieser Welt ein Niemand, der sich als Putzmann beim großen IT-Unternehmen ATRIA durchschlagen und in einer Garage wohnen muss.
Nach dem ersten Schock und der Akzeptanz seiner neuen, desolaten Situation, fasst Neil einen Entschluss: Er muss den Status quo des Gamings wiederherstellen. Sein gesamtes, umfassendes Wissen über Spieledesign, Programmierung und die gesamte Chronologie der Videospielgeschichte wird zu seinem einzigen Kapital. Bei diesem Vorhaben stellt sich heraus, dass ausgerechnet seine Konkurrentin Kirilla (KiraNightingale) der entscheidende Schlüssel zum Erfolg sein könnte.
Analyse
Der Roman ist primär eine ausgedehnte, detaillierte Hommage an die gesamte Kultur und Evolution der Videospiele. Abseits der Kernhandlung, die Neil und seine Mitstreiter verfolgen, liegt der Hauptwert des Buches in der „zweiten Geburtsstunde“ der Games.
Manuel Schmitt führt dabei den Leser sachkundig durch die essentiellen Entwicklungsschritte der Branche. Man erlebt die Anfänge, von den primitivsten Pixeln und frühen Arcade-Konzepten wie Pong und Pac-Man, bis hin zum Übergang in komplexere Welten mit Street Fighter und dem ersten Auftritt von Super Mario (der hier bewusst nicht der klassische Klempner ist). Die Entwicklungsstufen umfassen auch die Programmierung bahnbrechender Titel wie DOOM, die Einführung von Servern, Multiplayer-Funktionen und der technisch sauberen Erklärung von 3D-Grafiken (auch wenn es kein echtes 3D ist, was im Buch sehr anschaulich vermittelt wird).
Neben der reinen Spielentwicklung werden auch die branchenrelevanten Begleitthemen beleuchtet. Der Roman adressiert den Einfluss von Gaming auf die Hardware-Entwicklung, die Rolle von Open Source, die kritische Diskussion um Gewalt in Spielen (insbesondere bei der Erfindung von Ego-Shootern wie Call of Duty), sowie moderne Probleme wie Lootboxen und Micro-Transactions. Dieses ganzheitliche Betrachten macht das Buch über die reine Unterhaltung hinaus auch zu einem spannenden Blick auf die Industriegeschichte.
Zwar ist die Idee von „Godmode“ stark, doch die eigentliche Handlung ist in einigen Zügen relativ absehbar und das Ende bietet wenig Überraschungsmomente. Der Roman wird oft mit Titeln wie „Ready Player One“ und „Free Guy“ beworben. Diese Vergleiche sind thematisch jedoch in meinen Augen irreführend, da „Godmode“ die Absenz und Neuentstehung von Videospielen behandelt, während die Vergleichstitel sich mit der virtuellen Realität und der Künstlichen Intelligenz in existierenden Spielwelten beschäftigen. Die zweite Hälfte des Romans fokussiert sich zudem stark auf die wirtschaftlichen Aspekte der Spielevermarktung und des Marketings, wodurch der eigentliche „Spielspaß“ etwas in den Hintergrund tritt.
Charakteranalyse und Entwicklung
Die Tatsache, wie sehr die Existenz oder Nicht-Existenz von Videospielen die Persönlichkeiten und Hobbys der Charaktere in der Parallelwelt geformt hat, ist bei der Betrachtung ein spannendes und realistisches Detail, wobei sich wohl auch jeder selbst einmal die Frage stellen kann, was er ohne das eigene liebgewonnene Hobby tun würde.
- Neil Desmond (Orkus666): Der Protagonist startet als äußerst unsympathischer, von seinem Ruhm korrumpierter und überheblicher Charakter. Sein Wutausbruch zu Beginn ist der Katalysator für die gesamte Handlung. Die neue Realität dient ihm als notwendiger Realitätscheck. Als Putzmann und „Niemand“ lernt er, dass die elementaren Werte der Spieleentwicklung – Freundschaft, Teamwork und harte Arbeit – wichtiger sind als Ruhm. Er durchläuft eine deutliche, wenn auch manchmal zögerliche, Entwicklung hin zu einem sympathischeren Menschen, auch wenn seine arroganten Altlasten gelegentlich durchscheinen.
- Kirilla: Sie beginnt als kühle und distanzierte Einzelgängerin, die durch Neils Mission gezwungen ist, sich zu öffnen. Ihre Entwicklung zum zuverlässigen Teamplayer ist eine notwendige Ergänzung zu Neils Weg.
- Nebenfiguren: Charaktere wie Neils beste Freunde Martha und Gregory sowie die Kinder Jerry und Catherine (maßgeblich an der Super Mario-Konzeption beteiligt, auch wenn Catherine ihren Pony-Wunsch gegen die Schildkröten tauschen musste) dienen als emotionale Ankerpunkte und treiben die Handlung entsprechend mit voran.
Fazit
Das Buch ist in meinen Augen uneingeschränkt für alle mit einer Vorliebe für Videospiele geeignet. Dabei spielt es keine Rolle, ob man im Augenblick aktiv zockt oder einfach nur das Thema in sich interessant findet. Insbesondere erwachsene Leser, die die Ära der alten Konsolen und Spieleklassiker noch bewusst erlebt haben, werden sich schnell in der Thematik zurechtfinden und eine nostalgische Verbindung spüren: Eine gedankliche Zeitreise in die „gute alte Zeit“.
„Godmode“ ist ein solider Roman, dessen Stärken ganz klar in der Thematik und der detailreichen Nacherzählung der Videospielgeschichte liegen. Die Idee einer Welt ohne Games wird konsequent umgesetzt. Trotz einer gewissen Vorhersehbarkeit der Handlung, wird dies durch die Liebe zum Detail, die zahlreichen Gaming-Referenzen und die fundierte Behandlung der Branchenthemen mehr als aufgewogen. Wer sich für die Evolution der Games begeistert, wird an diesem Roman große Freude haben.