Matt Haig
Die Mitternachtsbibliothek
Stell dir vor, auf dem Weg ins Jenseits gäbe es eine riesige Bibliothek, gefüllt mit all den Leben, die du hättest führen können. Alles, was du jemals bereut hast, könntest du ungeschehen machen. Genau dort findet sich Nora Seed wieder, nachdem sie aus lauter Verzweiflung beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. An diesem Ort zwischen Raum und Zeit, an dem die Uhrzeiger immer auf Mitternacht stehen, hat sie plötzlich die Möglichkeit, all das zu ändern, was sie aus der Bahn geworfen hat. Aber kann man in einem anderen Leben glücklich werden, wenn man weiß, dass es nicht das eigene ist?
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
Matt Haigs Die Mitternachtsbibliothek ist ein Roman, der seit seinem Erscheinen eine enorme Aufmerksamkeit bekommen hat. Der Klappentext verspricht eine Art Zwischenwelt, in der alle Leben aufbewahrt sind, die man hätte führen können – eine Bibliothek voller Alternativen, voller Wege, die man nicht gegangen ist. Genau dort landet Nora Seed, nachdem sie beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen.
„Offenbar hatte Nora nicht einmal für den Tod Talent. Das Gefühl war ihr nur allzu vertraut. Dieses Gefühl, in allem unvollkommen zu sein. Das unvollendete Puzzle eines Menschen. Unvollkommenes Leben und unvollkommenes Sterben.“
Diese Grundidee ist stark, zugänglich und emotional aufgeladen. Und ja: Das Buch ist gut geschrieben, flüssig, atmosphärisch. Es hat Momente, die zum Nachdenken anregen; über Entscheidungen, über verpasste Chancen, über die Frage, was ein erfülltes Leben eigentlich ausmacht.
„Wenn sie darüber nachdachte – und sie dachte immer öfter darüber nach –, vermochte Nora sich nur über all das zu definieren, was die nicht war. […] Die Reuegefühle, die sich in ihrem Inneren unablässig wiederholten. ‚Ich bin keine Olympiaschwimmerin geworden. Ich bin keine Gletscherforscherin geworden. Ich bin nicht Dans Frau geworden. Ich bin nicht Mutter geworden. Ich bin nicht Leadsängerin bei The Labyrinths geworden. Ich habe nicht geschafft, ein wirklich guter oder wirklich glücklicher Mensch zu werden. Ich habe es nicht geschafft, auf Voltaire aufzupassen. Und zuallerletzt hatte sie es nicht einmal geschafft zu sterben.‘ Es war wirklich ein Jammer, wie viele Möglichkeiten sie vergeudet hatte.“
Trotzdem blieb bei mir am Ende ein Gefühl zurück, das sich schwer greifen lässt: eine Mischung aus Zustimmung und Irritation. Ich verstehe, warum das Buch viele Menschen berührt. Aber warum es zu einem solchen Hype wurde, wie das Marketing suggeriert, erschließt sich mir nicht vollständig. Vielleicht liegt es an der Übersetzung, vielleicht an der Erwartungshaltung, vielleicht daran, dass manche Themen für mich nicht so stimmig ineinandergreifen wie beabsichtigt. Es wirkte teilweise wie eine lose Aneinanderreihung von Geschichten von Leben ohne, dass am Ende eine Lehre daraus gezogen wurde.
Ein starker Anfang und erste Irritationen
Der Einstieg funktioniert gut. Nora ist eine Figur, die man nachvollziehen kann: erschöpft, überfordert, voller Selbstzweifel und ihre depressive Grundstimmung, die sie in die Bibliothek führt. Haig schafft es, diese Ausgangslage gefühlvoll zu erzählen. Die Bibliothek selbst ist ein schönes Bild: ein Ort, an dem die Zeit stillsteht, an dem man in andere Leben hineinspringen kann, um zu sehen, was hätte sein können. Die Handlung beginnt mit einer Ansammlung von Ereignissen, die Nora schließlich dazu bringen ihr Leben zu beenden: Beginnend beim Tod ihres Katers Voltaire bis hin zum Verlust ihres Jobs über die Tatsache, dass die glaubt ihr Nachbar brauche sie nicht mehr zum Abholen von Medikamenten.
Doch da gab es für mich auch Momente, die mich aus dem Lesefluss gerissen haben. Ein Beispiel: Plötzlich taucht eine gegenderte Überschrift auf – typografisch nicht sauber, inhaltlich nicht vorbereitet, stilistisch unpassend. Vorher war Gendern kein Thema, danach auch nicht. Es wirkt wie ein Fremdkörper, wie ein nachträglicher Eingriff, der nicht organisch aus dem Text kommt. Solche Details mögen klein wirken, aber sie stören, wenn man auf Sprache achtet und ein konsistentes Leseerlebnis erwartet. Dann bitte das Motto: Ganz oder gar nicht.
Ähnlich ging es mir mit einem belehrenden Unterton, der an manchen Stellen durchscheint – besonders beim Thema Klimawandel in Bezug auf die Gletscherforschung. Natürlich ist es legitim, gesellschaftliche Themen einzubauen. Aber hier fühlte es sich für mich nicht wie ein organischer Teil der Handlung an, sondern eher wie ein Kommentar, der zusätzlich hineingeschoben wurde, weil es sich gut verkaufen lässt.
Die Leben, die man hätte leben können – und die Frage nach der Leere
Der Kern des Romans ist die Frage: Was wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte?
Nora springt durch verschiedene Versionen ihres Lebens – als Musikerin, als Wissenschaftlerin, als Sportlerin, als Ehepartnerin, als Mutter, als jemand, der ganz woanders lebt oder ganz andere Prioritäten gesetzt hat.
Was mich jedoch irritiert hat: In fast jedem dieser Leben fühlt sich Nora wie eine Betrügerin. Sie ist nicht wirklich sie selbst, sie spielt eine Rolle, sie passt nicht hinein. Das ist nachvollziehbar: schließlich sind es nicht ihre gelebten Leben, sondern theoretische Möglichkeiten.
Aber je weiter die Handlung voranschreitet, desto stärker hatte ich das Gefühl, dass diese Leben weniger Erkenntnisse liefern, als sie könnten. Sie bleiben oft skizzenhaft, manchmal fast austauschbar. Und obwohl Nora so viele Varianten durchläuft, bleibt am Ende erstaunlich wenig Konkretes übrig.
Der Roman arbeitet auf die Erkenntnis hin, dass das eigene, unperfekte Leben wertvoll ist. Das ist eine schöne Botschaft. Aber für mich blieb die Frage offen: Was genau nimmt Nora jetzt wirklich mit? Wir erfahren, dass sie leben will. Dass sie keine Erwartungen anderer mehr erfüllen möchte. Dass sie wieder unterrichten will und ehrenamtlich arbeitet. Aber das bleibt vage. Für ein Buch, das so viele Alternativen durchspielt, wirkt das Ende überraschend offen – fast zu offen.
Unnötige Einschübe und ein Ende, das Fragen offenlässt
Ein Punkt, der mich besonders irritiert hat, war die Szene, in der plötzlich erwähnt wird, dass Noras Bruder schwul ist und dass sie es immer gewusst hat, er sich aber nie outen konnte.
Nicht, weil das Thema an sich problematisch wäre. Sondern weil es erzählerisch kaum vorbereitet ist und keinen wirklichen Einfluss auf die Handlung hat. Es wirkt wie ein Einschub, der eher einem Erwartungsdruck entspricht als einer inneren Notwendigkeit der Geschichte.
Solche Momente lassen den Roman an manchen Stellen konstruiert wirken.
Ähnlich ging es mir mit dem Umgang mit Noras Depression. Am Anfang ist sie zentral – sie ist der Grund, warum Nora überhaupt in der Bibliothek landet. Doch gegen Ende wird die Depression fast beiläufig abgehandelt. Stattdessen wird Raum dafür verwendet, dass ihr Bruder den Mann aus dem Fitnessstudio ansprechen soll. Das wirkt tonal verschoben: ein schweres Thema wird zugunsten einer leichten Nebenhandlung zurückgedrängt.
Natürlich muss ein Roman nicht jede psychische Krise bis ins Detail ausbuchstabieren. Aber wenn Depression der Ausgangspunkt der gesamten Handlung ist, hätte ich mir am Ende mehr Tiefe, mehr Konsequenz und mehr Auseinandersetzung gewünscht. Eine Depression verschwindet nicht einfach von heute auf morgen. Und erst recht nicht, nur weil man die Erkenntnis hat, dass der eigene Bruder die Aussicht auf eine Beziehung haben könnte. Es hätte mich doch eher interessiert, ob sie den Mut findet ihren Nachbar anzusprechen, um sich auf einen Kaffee zu treffen.
Fazit: Ein gutes Buch, aber kein Meisterwerk
Die Mitternachtsbibliothek ist ein gut geschriebenes Buch mit einer starken Grundidee. Es hat Momente, die berühren, und es regt zum Nachdenken an: über Entscheidungen, über verpasste Chancen und über das eigene Leben. Ich verstehe, warum viele Menschen darin Trost finden. Die Botschaft, dass das eigene Leben wertvoll ist, auch wenn es unperfekt ist, ist universell und zugänglich.
Aber für mich bleibt der Roman hinter seinem Hype zurück. Manche Themen wirken eingeschoben, manche Botschaften zu deutlich formuliert und manche erzählerischen Entscheidungen nicht ganz stimmig. Die Offenheit des Endes lässt Raum für Interpretation, aber sie lässt auch das Gefühl zurück, dass etwas fehlt, gerade nach so vielen alternativen Leben, die Nora durchläuft.
Trotzdem: Es ist ein Buch, das man gut lesen kann. Ein Buch, das seine Stärken hat. Ein Buch, das Fragen stellt, auch wenn es nicht alle beantwortet. Nur eben keines, das mich so überwältigt hat, wie es die Marketingversprechen nahelegen.