Leo Nachtigall
Das Totenvlies
Verbotenes Wissen (Band 1)
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
Erwartung vs. Realität – Eine Jagd durch ein Land der Schauermärchen
Alles begann mit einem ersten Blick: Das Cover von „Das Totenvlies“ und der vielversprechende Klappentext übten sofort eine starke Anziehung auf mich aus. Die Prämisse klang nach klassischer, packender Fantasy: Eine mutige Fechterin, Lyrana, die alles riskiert, um ihre ermordete Liebe – die Gräfin von Ramont – aus der Unterwelt zu befreien. Der Klappentext verspricht eine Heldenreise: Die Suche nach dem „Buch des Sängers“, bewacht von einem blutrünstigen Zwerg in einem von Ungeheuern umgebenen Herrenhaus, während vier Zauberer versuchen, dieses Wissen zu vernichten, und ein Wiedergänger seine eigenen finsteren Pläne verfolgt. Es klang nach einem rasanten Abenteuer voller Zauberei, Fabelwesen, blutiger Rapierkämpfe und dem Knallen von Musketen.
Ich kaufte mir das Buch, weil ich genau in diese Welt eintauchen wollte. Doch schon nach den ersten Kapiteln wurde klar: Die Handlung entfaltet sich ganz anders, als ich es erwartet hatte und das im positiven Sinne. Während ich anfangs dachte, ich würde primär Lyrana auf ihrer klassischen Heldenreise begleiten, weitete Leo Nachtigall den Blickwinkel massiv aus. Die Erzählweise ist deutlich komplexer und vielschichtiger. Die Kapitel wechseln dynamisch zwischen Lyranas beschwerlichem Weg, den strategischen Zügen von Randallor und später auch den Perspektiven des ‚merkwürdigen‘ Duos der Moorhexe sowie des Totenprinzen Nârasarr.
Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt der Geschichte auf eine spannende Weise: Es ist weniger die chronologische Dokumentation einer Suche nach einem Artefakt, sondern vielmehr eine groß angelegte, gnadenlose Jagd aller Parteien auf Lyrana. Jeder will sie aus anderen Motiven finden, aufhalten oder benutzen, gerade weil sie nach dem Buch und dem Totenvlies sucht. Was mich dabei besonders fasziniert hat, ist der enorme Tiefgang des Weltenbaus. Die Handlung ist durchwebt von Hintergründen, Märchen und Sagen, die so organisch eingebaut werden, dass die Welt eine unglaubliche Tiefe und Nähe gewinnt. Auch wenn es nicht die gradlinige Reise war, die der Klappentext vermuten ließ, ist das, was Nachtigall hier abliefert, erzählerisch weitaus dichter und interessanter.
Weltenbau: Wenn Schauermärchen blutige Realität werden
Nachtigall nutzt ein faszinierendes stilistisches Mittel, um seiner Welt Tiefe zu verleihen: die Integration von alten Märchenreimen. Was auf den ersten Blick wie klassische Folklore zur Kinderabschreckung wirkt, entpuppt sich im Handlungsverlauf als bittere, existierende Realität. Diese Reime ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch und bereiten auf das Grauen vor, dem die einzelnen Figuren gegenüberstehen.
(Achtung nachfolgend Spoiler!)
Besonders eindrucksvoll ist die Mythologie um das titelgebende Artefakt. Das Totenvlies mit der Macht zur Wiederbelebung, ist nicht bloß ein Geschenk, dass der Erloschene dem Sänger Lorán, mit auf den Weg gibt. Seine Nutzung ist scheinbar an einen Preis gekoppelt: Wer einen geliebten Menschen aus dem Reich der Toten zurückholt, löst gleichzeitig die Fesseln des „Erloschenen“. Dieser Totengott ist in der Unterwelt an seinen Thron gekettet, und seine Befreiung würde das Ende der bekannten Weltordnung bedeuten. Somit stellt sich die Frage: Was ist das Leben eines Verstorbenen im Vergleich zur restlichen Menschheit wert?
Die Akteure: Halbgötter, Wichte und die mysteriöse Baroness
Im Zentrum steht Lyrana Sagard, eine Baroness aus niederem Adel, die weit mehr ist, als sie zu Beginn ahnt. Die Enthüllung wirft lange Schatten voraus, auch wenn die volle Tragweite dieser Verbindung noch im Dunkeln bleibt. Ich möchte an dieser Stelle einfach nicht zu sehr spoilern, auch wenn ich eine Vermutung habe, in welche Richtung sich dieser Handlungsstrang bewegt durch die Auswahl derer, die wir in den einzelnen Kapiteln auf ihrem Weg begleiten.
Ihre Gegenspieler sind keine flachen Bösewichte, sondern tragische Halbgötter: Nârasarr, der Totenprinz von Sâradorr, und die Zauberin Nîssaria. Ihre Hintergrundgeschichte ist das emotionale (wenn auch grausame) Herzstück des Buches. Vom Totengott mit dessen eigenem Blut wiederbelebt, wurden sie als „Geschwister“ betrachtet. Ihre Liebe zueinander wurde vom Schöpfer verdammt, was zu ihrer Verbannung durch die Eisenpforte in die Welt der Sterblichen führte. Die daraus resultierende „Lust am Tod“ und ihre Vorliebe für das Töten von Kindern machten sie zu den Monstern der eingangs erwähnten Märchen. Dass Nârasarr nun vom Nekromanten Ocalasar erpresst wird, um Lyrana zu jagen, während der Schwertlord Erak sie im Auftrag des zwielichtigen Randallor beschützt, erzeugt ein dichtes Geflecht aus Loyalität und Verrat. Und dann schweb wie ein dunkler Schatten die ständige Frage mit: Wie loyal ist Randallor wirklich und was versucht er zu verbergen? Geht es ihm wirklich, um Lyrana oder darum seine eigenen vergangenen Taten zu verheimlichen oder wieder gutzumachen?
Der stilistische Bruch
Hier erreicht die Rezension den Punkt, an dem sich die Geister scheiden werden. Ich kann folglich nur meine eigene Meinung niederschreiben. Auf der einen Seite habe ich die rein stilistische Aufarbeitung der Märchen, Legenden, Figuren, Hintergründe, Settings und vor allem auch die detaillierte Beschreibung der Kämpfe und der eigentlichen Action absolut geliebt! Hier spritzt ein wenig Blut, dort stirbt jemand und nebenan verliert jemand vielleicht noch Gliedmaße. All das zwischen sehr viel Liebe zum Detail und emotionalen Tiefgängen.
Auf der anderen Seite stand dann ab einem gewissen Punkt des wiederholenden Faktors die gesellschaftskritischen Kommentare. Es wird bereits am Anfang sehr schnell deutlich, dass die Handlung in einer Welt spielt, in der gleichgeschlechtliche Beziehungen unerwünscht sind. Ebenso werden Frauen von den männlichen Gegenspielern als weniger Wert betrachtet und Lyrana sollte beispielsweise keine Hosen oder Waffe tragen. Daneben gibt es Abzweigungen, die das Gedankengut weiter unterstützen wie beispielsweise das Verfolgen von Frauen in dem Glauben sie seien Hexen.
All das passt für mich wunderbar in das Setting und ich bin gespannt, wie diese Welt in Band 2 erweitert wird, wenn ein Land betreten wird, das offenbar statt von vier uralten Zauberern, von einer Königin regiert wird.
Doch die ständigen erneuten Einschübe und wiederholenden Zeilen darüber, wie die sozialen Konstrukte funktionieren und Geschlechterrollen definiert sind oder wie ‚Ruckständig‘ die Gesellschaft dadurch ist, war mir irgendwann zu plakativ: „Die Liebe war nicht schwarz und weiß, sondern voller Farben wie ein Regenbogen“ oder die wiederholte Mahnung, dass es nur darauf ankomme, „wie jemand denkt und fühlt, nicht auf das Körperliche“, wirken in einer Welt voller Kindermörder und spritzendem Blut etwas deplatziert und belehrend.
Da ich beim Lesen gelernt habe, dass die angedeuteten Märchen, oftmals kurz darauf bewahrheitet werden, enden wir dann mehr oder minder mit dem Cliffhanger des Wassermanns, der den Fischer bestraft wegen der Überfischung.
Tatsächlich kurz Schmunzeln musste ich dann bei der ‚Albin‘, da für mich in meinem Kopf ein ‚Alb‘ im klassischen Fantasy-Setting noch nie irgendeine geschlechtsform hatte, sondern einfach eine Art geschlechtsloses Albtraumwesen ist. Aber gut, dass wir sowohl sie als auch die Piratenkapitänin nicht im Eifer des Gemetzels verloren haben, sondern dadurch zwei weitere tragische Schicksale ihrer Vergangenheit weiter mitverfolgen dürfen.
Wie bereits geschrieben, bin ich sehr verliebt in die Tiefe und den generellen Schreibstil und möchte Band 2 unbedingt lesen, aber ich hoffe darauf, dass die eigentliche Gesellschaftskritik vielleicht etwas mehr in den direkten Kontext eingepackt wird, was beispielsweise anfangs sehr gut gemacht war beim Kampf auf dem Marktplatz.
Struktur und Ergänzungen
Trotz der inhaltlichen Reibungspunkte ist das Buch handwerklich gut strukturiert. Ein besonderes Lob gebührt dem Glossar am Ende des Bandes und natürlich der Karte zum Überblick (und ja – mehr Fantasybücher könnten mir eine Karte dalassen, damit ich mich nicht komplett in der Welt verirre). In einer Geschichte mit so vielen Eigennamen, komplexen Verwandtschaftsverhältnissen und mythologischen Schauplätzen ist das Glossar Gold wert. Es hilft, die Übersicht zu behalten, wenn die Handlung zwischen den verschiedenen Fraktionen – den vier Zauberern, dem Nekromanten und den flüchtigen Protagonisten – hin- und herwechselt.
Strukturell möchte ich auch noch anmerken, dass wir direkt beim Einstieg in die Handlung geworfen werden und die generellen Hintergründe sich nach und nach erst auftun. Ich habe etwas gebraucht, um die Namen zuzuordnen und auch die Beziehungen zueinander, vor allem aber, glaube ich, dass ich die Namen in meinen Gedanken völlig falsch ausspreche. Aber in meinem Kopf hört mir ja zum Glück niemand zu.
Fazit
„Das Totenvlies“ ist kein einfaches Buch. Es bietet einen faszinierenden Weltenbau mit einer düsteren, blutgetränkten Mythologie und interessanten moralischen Grauzonen. Wer detaillierte Action und komplexe Sagen in einem Dark Fantasy-Setting liebt, kommt auf seine Kosten. Ich denke, die Menschen unter uns, die beim Klappentext schon abgeschreckt sind, weil es sich um die dramatische Liebesgeschichte zweier Frauen handelt, denen habe ich dazu sonst auch nicht viel zu sagen. Wobei wir generell kein Setting betreten mit ausschmückender sexueller Beschreibung egal in welcher Hinsicht. Es geht mehr um die tiefe Verbundenheit, Nähe und generell Liebe trotz verkorkster gesellschaftlicher Strukturen. Also auf – folgt Lyrana auf der Suche nach dem Buch des Sängers und taucht ein in diese düstere Welt voller Fabelwesen, Göttern und Blutvergießen.