Hrsg. Jessie Weber, Kathrin Fuhrmann
Unholy Night
Die Fahrt ins Ungewisse
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
Ich habe Unholy Night – Die Fahrt ins Ungewisse von einer der beteiligten Autorinnen privat geschenkt bekommen – nicht als Rezensionsexemplar. Das Buch erschien 2022 im Talawah Verlag und ist aktuell nicht mehr als Print erhältlich, aber als eBook verfügbar, unter anderem über Kindle Unlimited. Ich erwähne das hier rein informativ, weil es für die Auffindbarkeit relevant ist. Für mich war es spannend, ein Werk in Händen zu halten, das nicht mehr ganz neu ist, aber dennoch eine sehr eigene Stimmung entfaltet und gerade in der Winterzeit eine besondere Wirkung entfaltet (als Horrorband in der dunklen Jahreszeit kurz vor Weihnachten). Anthologien haben ohnehin ihren eigenen Reiz, weil sie unterschiedliche Stimmen und Perspektiven zusammenbringen, und hier ist es die Mischung aus Weihnachtsmotiven, Märchen, Grusel und Humor, die den Ton bestimmt.
Rahmenhandlung und Konzept
Die Sammlung umfasst 23 Kurzgeschichten, die durch eine kleine Rahmenhandlung miteinander verbunden sind. Zwei Autorinnen sind auf dem Weg zur Weihnachtsparty ihres Verlegers, die eine im Auto, die andere im Zug. Beide geraten in winterliche Schwierigkeiten, und die Geschichten erzählen, was ihnen unterwegs widerfährt. Dieses Konzept ist charmant, weil es eine Klammer bildet, die die einzelnen Beiträge zusammenhält, ohne sie zu sehr einzuengen. Es entsteht das Gefühl einer Reise durch verschiedene literarische Welten, die alle von der gleichen Ausgangssituation ausgehen, aber ganz unterschiedliche Wendungen nehmen. Das Setting bewegt sich zwischen weihnachtlicher Stimmung, märchenhaften Motiven und leichtem Grusel, ohne je in harten Horror abzurutschen. Die winterliche Atmosphäre, das Gefühl des Unterwegsseins und die Mischung aus Humor, Schauder und klassischen Weihnachtsmotiven tragen die Anthologie gut und machen sie zu einer abwechslungsreichen Lektüre für die dunkle Jahreszeit.
Vielfalt der Geschichten
Wie bei jeder Anthologie gibt es Beiträge, die stärker hängen bleiben, und andere, die eher leise vorbeiziehen. Einige Geschichten greifen Halloween‑Elemente oder Anspielungen auf bekannte Motive auf, bei denen ich mir nicht immer sicher war, ob ich bestimmte Insider hätte erkennen sollen. Das ist aber gerade bei Sammlungen mit vielen Autoren fast unvermeidlich und gehört zum Reiz dazu: Man entdeckt Neues, stolpert über Eigenheiten, und manchmal bleibt auch etwas rätselhaft. Insgesamt ergibt sich eine stimmige Mischung aus Märchenhaftem, moralischen Untertönen, winterlichem Grusel, humorvollen Momenten und gelegentlichen Ausflügen in Sci‑Fi‑ oder Zukunftsszenarien. Die Bandbreite ist groß, aber nicht beliebig, und viele Geschichten spielen mit kulturellen Wurzeln oder klassischen Weihnachtsfiguren. Besonders skurril sind die Zombierentiere, denen ich persönlich nicht begegnen möchte, die aber als groteske Idee durchaus ihren Platz in der Sammlung haben. Eine Geschichte rund um ein Geistermädchen und eine ältere Frau habe ich nicht vollständig entschlüsseln können. Gerade diese Vielfalt macht den Reiz aus: Man liest nicht nur eine Geschichte, sondern eben 23 davon.
Die Länge der einzelnen Beiträge ist angenehm und ideal zum Zwischendurchlesen. Manche Geschichten sind pointiert und kurz, andere nehmen sich etwas mehr Raum, aber keine verliert sich in überflüssigen Abschweifungen. Der Stil variiert je nach Autor, bleibt aber insgesamt gut lesbar. Schön sind auch die kleinen Illustrationen zu Beginn oder am Ende jeder Geschichte, teilweise sogar von den Autoren selbst gestaltet. Sie geben der Anthologie einen zusätzlichen Charme und verstärken die Atmosphäre. In den meisten Erzählungen erreichen die beiden Protagonistinnen ihr Ziel – wenn auch oft ziemlich durchgerüttelt. Das sorgt für eine gewisse Kontinuität und ein Gefühl von Abschluss, auch wenn die Wege dorthin sehr unterschiedlich sind.
Fazit
Unholy Night – Die Fahrt ins Ungewisse ist eine abwechslungsreiche, winterlich‑schräge Anthologie, die sich gut für die dunkle Jahreszeit eignet. Die Mischung aus Märchen, Grusel, Humor und weihnachtlicher Stimmung funktioniert überraschend gut, und die kurzen, pointierten Geschichten lassen sich wunderbar zwischendurch lesen. Es hat Spaß gemacht, durch diese Sammlung zu wandern, und solche saisonalen Kurzgeschichtenbände könnte es gern öfter geben – vielleicht irgendwann sogar in einer Neuauflage. Gerade die Kombination aus klassischem Weihnachtsflair und unerwarteten Wendungen macht den besonderen Reiz aus. Manchmal ist es die leise Moral, manchmal der groteske Einfall, manchmal einfach die Stimmung einer verschneiten Nacht, die trägt. Für mich war es eine Lektüre, die nicht nur unterhalten hat, sondern auch gezeigt hat, wie vielfältig das Genre der Kurzgeschichte sein kann, wenn es sich auf ein gemeinsames Thema einlässt.