Mailin Weder
Die märchenhaften Drei
Ein Zwerg und sein Riesenproblem
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
Die Vorweihnachtszeit ist traditionell die Zeit der Besinnung, der Lichter und natürlich der Geschichten. Doch welche Erzählungen sind es, die den wahren, tiefen Zauber der Weihnacht für Vorschulkinder und Grundschüler auf liebevolle und gleichzeitig spannende Weise einfangen? Genau! Die Geschichten, die noch mit viel Liebe niedergeschrieben werden. Das kleine Abenteuer rund um den Jungwichtel 512 ist dabei eine weihnachtliche Lektion über die Konsequenzen von Unachtsamkeit, dem Lernen von Verantwortungsbewusstsein und dem Glauben an Magie, wenn man nur ein bisschen über sich hinauswächst.
Der sympathische Protagonist und seine gewaltige Bürde
Im Zentrum der Erzählung steht der liebenswerte, aber zu Beginn noch etwas unbedarfte und übermotivierte Jungwichtel 512. Das Buch liefert hier eine charmante Erklärung zur Wichtel-Hierarchie: Obwohl er aus menschlicher Sicht uralt sein mag, zählt er bei den Wichteln zu den Jüngsten. Seine täglichen Aufgaben sind jene, die von den älteren Wichteln nicht mit Begeisterung ausgeführt werden – die Routine, das Alltägliche, das ihn nach Abwechslung sehnen lässt. In dieser anfänglichen Unzufriedenheit und Ungewissenhaftigkeit liegt der Keim der Katastrophe, die kurz darauf das gesamte Weihnachtsfest zu sprengen droht.
Wichtel 512 wird durch seine eigene Unachtsamkeit zum Verursacher eines folgenschweren Unfalls. Der wichtigste Mann der Weihnachtszeit, der Weihnachtsmann selbst, verliert dadurch sein Gedächtnis. Plötzlich ist der Kern des Weihnachtsfestes, die jahrhundertealte Tradition der Geschenkeauslieferung, in ernsthafter Gefahr. Die Sorge in der Weihnachtswerkstatt des Nordpols ist riesig. Muss Weihnachten dieses Jahr tatsächlich ausfallen?
Wichtel 512 lässt sich dabei von seiner eigenen Schuld nicht zurückhalten, sondern nutzt sie als Motor für eine heldenhafte Tat. Sein Entschluss, den Weihnachtsmann zu vertreten, ist ein mutiger Akt, der ihn vom einfachen, etwas unzufriedenen Jungwichtel zum unverzichtbaren Retter der Weihnacht hebt.
Die abenteuerliche Reise und die Entdeckung der Welt außerhalb der Weihnachtswerkstatt
Die eigentliche Geschichte beginnt, als Wichtel 512 sich, begleitet von den treuen Rentieren, auf die abenteuerliche Reise begibt. Der Weg vom Nordpol bis in die festlich geschmückten Zimmer der Kinder ist lang und gespickt mit Unbekanntem. Genau diese Odyssee macht das Buch so aufregend. Es ist eine spannende Erzählung zum Vorlesen und Mitfiebern, in der der kleine Wichtel nicht nur Geschenke verteilt, sondern auch die Welt der Menschen aus einer ganz neuen Perspektive kennenlernt. So lernt er zum Beispiel, dass die süßen Stofftiere gänzlich anders sind als reale Stubentiger. Solche Szenen sind nicht nur niedlich, sondern zeigen auf, wie Wichtel 512 im Laufe seiner Mission über seinen eigenen Tellerrand blickt und wertvolle, lehrreiche Erfahrungen sammelt, die weit über das Geschenke-Verteilen hinausgehen. Er erhält auf seiner Reise unerwartete Hilfe und erkennt, dass auch nicht alle Erzählungen der alten Wichtel richtig sind.
Für alle Kinder, die fest an den Weihnachtszauber glauben und sich Fragen zur Logistik des Weihnachtsfestes stellen, bietet die Geschichte „logische“ Erklärungen. Diese Erläuterungen sind geschickt in die Handlung eingebaut und verstärken die Magie, anstatt sie zu entzaubern. Sie liefern kindgerechte Antworten auf das „Wie und Warum“ und tauchen tief in die fantastische Welt hinter dem Nordpol ein, was die Vorfreude und die Spekulationen über das Fest anregt.
Stil, Format und Visuelle Gestaltung
Die erzählerische Qualität der Geschichte wird durch einen lockeren, gut verständlichen und durchweg kindgerechten Schreibstil getragen. Die Sprache ist so gewählt, dass sie auch jüngeren Kindern ab fünf Jahren, der empfohlenen Vorlesealter, leicht zugänglich ist, ohne dabei banal zu wirken.
Ein großes Plus, das den Vorlesealltag in der hektischen Adventszeit enorm erleichtert, ist die Gliederung des Buches in 16 kurze Kapitel. Dieses Format ist perfekt getaktet. Es ermöglicht, jeden Tag eine kleine, abgeschlossene Einheit zu lesen, was nicht nur eine wunderbare Routine für die Vorweihnachtszeit etabliert, sondern auch die Aufmerksamkeit der Kinder nicht überfordert. Der langsame Aufbau des Happy Ends nach dem anfänglichen Drama vermittelt zudem eine kleine, aber feine Weihnachtsmoral.
Die Haptik des Buches trägt ebenfalls zur positiven Erfahrung bei. Das quadratische Hardcover-Format (21×21 cm) ist bewusst kompakt gehalten. Es lässt sich gut in der Hand halten und die Jüngsten mitblättern.
Die Seiten sind gefüllt mit Illustrationen, die das Gelesene nicht nur bebildern, sondern es aktiv untermalen. Die Illustrationen des Wichtels wirken fröhlich, fangen die magische Weihnachtsstimmung ein.
Eine Anmerkung zum Layout aus beruflicher Sicht
Für diejenigen, die einen Blick aus dem Verlagswesen mitbringen, hält das Buch einige interessante, wenn auch leicht irritierende Layout-Entscheidungen bereit. Die Geschichte ist so niedlich und die Illustrationen so passend, dass diese Punkte den Lesegenuss der Zielgruppe nicht beeinträchtigen, ich sie aber trotzdem erwähnen möchte.
Zuerst dachte ich, dass es auf den linken Seiten keine Seitenzahlen geben würde, wobei sich dann heraus stellte, dass diese links, also zur Mitte hin, zum Bund hin platziert wurden, statt wie üblich außen. Zudem könnte man spekulieren, dass angesichts der Textmenge und des angenehmen Leseflusses vielleicht ein paar Seiten mehr Platz für den Text hätten geschaffen werden können, was aber möglicherweise produktionstechnischen oder gestalterischen Entscheidungen geschuldet war. Auch die Hintergrundfarbe hinter dem Text, die potenziell etwas heller hätte gewählt werden können, deutet auf einen eher unkonventionellen Gestaltungsansatz hin.
Dies sind jedoch Feinheiten, die das Herzstück des Buches – die zauberhafte und wichtige Botschaft – in keiner Weise mindern. Sie sind eher eine Marginalie für den peniblen Betrachter als ein tatsächlicher Kritikpunkt für das Zielpublikum.
Fazit
„Wichtel 512 rettet Weihnachten“ von Mailin Weder ist eine gelungene Vorlesegeschichte, die den Zauber der Vorweihnachtszeit auf 48 liebevoll gestalteten Seiten einfängt. Die Geschichte besticht durch ihre Spannung, ihre liebenswerte Hauptfigur und die Vermittlung wichtiger Werte wie Pflichtbewusstsein, Verantwortung und Hilfsbereitschaft.
Der Mix aus lockerer Erzählweise, kurz gehaltenen Kapiteln und den unterstützenden, bunten Illustrationen macht dieses Buch zu einem Begleiter durch den Advent. Es eignet sich hervorragend als tägliches Vorleseritual und wird sowohl Groß als auch Klein faszinieren und begeistern. Der kleine Wichtel 512 schließt man sofort ins Herz, und die Geschichte ist eine wunderschöne Erinnerung daran, dass der größte Zauber im eigenen Handeln liegt.