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© Ullstein Jugendbuch

Erin. A. Craig

Das Dreizehnte Kind

Wenn der Tod ruft, muss sie gehorchen

Originaltitel: ‎ The Thirteenth Child | Übersetzt von: Marc Alaoui; Hörbuch gesprochen von Rebecca Veil 
Ullstein Jugendbuch, 2025;  | Hörbuch Hamburg; 15 h 43 Minuten
ISBN: 9783844943900
Genre: Fantasy, Märchen, Retelling, Drama, Enemies to Lovers, Coming-of-Age | Altersempfehlung: ab 14 (persönlich eher ab 16)
Klappentext:

Hazel Trépas ist kein gewöhnliches Mädchen. Als dreizehntes Kind wurde sie einem Gott versprochen: dem Tod persönlich. Von ihm erhielt sie eine Gabe, die sie zu einer der größten Heilerinnen des Königreichs machen sollte: Hazel erkennt auf einen Blick, wie jede Krankheit geheilt werden kann.

Doch jede Gabe hat ihren Preis. Hazel sieht auch, wenn das Schicksal eines Menschen besiegelt ist. Geplagt von den Geistern jener, deren Leiden sie beenden musste, sehnt Hazel sich nach Freiheit. Als der König tödlich erkrankt und das Reich vor dem Zerfall steht, wird Hazel an den Hof gerufen. Dort begegnet sie Prinz Leo, einem charmanten Thronfolger, der ebenso rebellisch ist wie Hazel selbst. Kann Hazel den Tod überlisten, um den König zu retten? Und zu welchem Preis?

Transparenzhinweis: Diese Rezension basiert auf einem kostenlos zur Verfügung gestellten Exemplars des Hörbuchs über netgalley.de durch Hörbuch Hamburg.

Kurzbewertung

Handlung & Spannung:
atmosphärisch, packend, emotional

Idee & Originalität:
Adaption / Retelling (Gebrüder Grimm)

Cover & Aufmachung:
sehr schön, aber bisschen irreführend

Charaktere & Entwicklung:
vom Anfang bis zum Ende

Schreibstil & Sprache:
absolut grandiose Übersetzung / Sprecher-Leistung im Hörbuch

Gesamtbewertung:

(Wichtiger Hinweis vorab: Da ich das Buch ausschließlich als Hörbuch gehört habe, schreibe ich die Namen so, wie sie mir klanglich vertraut sind – Abweichungen zur gedruckten Schreibweise sind also möglich und keine absichtlichen Fehler.)

Ich glaube, ich habe schon ewig kein Buch mehr gehört (oder gelesen), das mich derart emotional mitgenommen hat. Während der knapp 16 Stunden Laufzeit habe ich gefühlt Dutzende Male geweint – das alles hat mich einfach so unfassbar tief berührt. Das Ende hat mich dann endgültig zerlegt: So absolut menschlich, zweifelnd, dann berührend und auch wenn es einfach doch zufriedenstellend war und ich das ganze Buch immer nur auf das Beste für sie gehofft habe, konnte ich dann nicht an mich halten. Definitiv handelt es sich in meinen Augen nicht um eine „leichte“ Lektüre, aber um eine, die mich noch sehr lange beschäftigen wird.  

Zur Altersfreigabe: Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wer bei diesem Buch entschieden hat, dass es ab 14 Jahren freigegeben ist. Die Themen – Verlust, Tod, schwere Krankheit, Gewalt und emotionaler Missbrauch in der Familie, Selbstaufopferung, detaillierte Beschreibungen von Verwesung und geistiger Qual – gehen teilweise richtig ans Eingemachte und sind emotional extrem belastend. Vielleicht bin ich da einfach zu empfindlich, weil mich traurige Geschichten schnell umhauen, aber ich würde das Buch persönlich eher ab 16/18 empfehlen, je nachdem, wie gut jemand mit düsteren, herzzerreißenden Inhalten umgehen kann. Es ist wunderschön, aber definitiv nichts Leichtes oder Harmloses, was man nebenbei mal gerade abends zum Einschlafen liest. Vielleicht sind die Kinder mit 14 heute aber auch schon weiter als ich es damals war.

Spoilerfreie Zusammenfassung

Das Buch erzählt das Leben von Hazel Trépas, dem dreizehnten Kind einer armen, verzweifelten Familie. Schon vor ihrer Geburt wird sie dem Gott des Todes persönlich versprochen (nicht, was einige vielleicht denken, es geht nicht um Ehe oder ähnliches, sondern um eine Patenschaft). Dieser Pate (Merrick, der Endgültige) holt sie mit zwölf Jahren ab und schenkt ihr eine außergewöhnliche Gabe: Sie erkennt auf den ersten Blick, was jede Krankheit heilt, und kann mit ihren Händen Linderung bringen, Leben verlängern und Leiden mildern. Doch jede Gabe fordert einen grausamen Preis. Hazel sieht auch, wann das Schicksal eines Menschen besiegelt ist und muss dann oft die Rolle derjenigen übernehmen, die den Tod herbeiführt. Geplagt von den Geistern derer, die sie „erlöst“ hat, führt sie ein Leben in einer einsamen Hütte als Heilerin. Jahre später, als eine tödliche Seuche das Königreich bedroht und der König selbst im Sterben liegt, wird sie an den Hof gerufen. Dort trifft sie auf einen charmanten, aber rebellischen Prinzen und muss sich entscheiden, ob sie gegen das vorbestimmte Schicksal ankämpfen kann und welchen Preis sie bereit ist dafür zu zahlen. (Mein persönlicher Hinweis: Primär handelt das Buch von Hazels Leben, nicht vom Leben an Hof und auch nicht von irgendeiner Romantasy-Story, egal wie slow burn sie angepriesen wird.)

Neben der düsteren Fantasy und dem Märchen-Retelling ist es vor allem ein intensives Coming-of-Age-Epos – Hazel reift über Jahre hinweg (von der Kindheit bis ins Alter) von einem unsichtbaren, verstoßenen Kind auf der Suche nach Liebe und Familie zu einer Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Das macht die Geschichte so berührend und zeitlos.

Zur Autorin und zum Schreibstil

Erin A. Craig hat ein Händchen dafür, düstere Märchenatmosphäre mit tiefen Charakterstudien und emotionaler Wucht zu verbinden. Ihr Schreibstil ist hier besonders stark: sehr detailreich, bildhaft, fast poetisch, ohne dabei je kitschig zu werden. Sie nimmt sich Zeit – viel Zeit –, um Hazels Kindheit, ihre Einsamkeit, ihre kleinen Freuden und ihre wachsenden Verzweiflungsschübe greifbar zu machen. Dabei spürt man als Leser schon direkt selbst jede Zurückweisung und jede winzige Geste von Zuneigung doppelt und dreifach. Der Roman erstreckt sich über Jahre, fast Jahrzehnte, und genau diese Langsamkeit macht die Entwicklung so glaubwürdig und schmerzhaft echt. Es ist kein Tempo-Thriller, sondern ein sehr introspektives, charaktergetriebenes Epos – mit wunderschönen symbolischen Bildern (allen voran das Meer aus abbrennenden Lebenskerzen). Schön fand ich auch neben den eigentlichen Symboliken die Zeitrechnung. Während wir oft mit fiktiven Zahlen in Fantasyromanen versuchen uns irgendwie entlangzuhangeln, lebt dieses Buch, in dem wir die Geschichte in der Zeitrechnung über Hazels Geburtstage erleben. Jedes Jahr diese Hoffnung, ihr Patenonkel würde sie endlich von ihrer Familie wegholen, jedes Jahr die neue Enttäuschung bis zu ihrem 12. Geburtstag. Die Jahre des Studiums in der Zwischenwelt. Die Jahre allein in der Hütte. Die Jahre am Hof. Die Jahre ihres Lebens.

Die Übersetzung

Die deutsche Übersetzung von Marc Alaoui ist absolut gelungen. Sie fängt den poetischen, leicht altertümlichen Ton der Originalsprache ein, ohne dabei zu steif oder unnatürlich zu wirken. Die Sätze fließen vor sich hin, die Emotionen kommen definitiv an und die düstere Märchenstimmung bleibt erhalten. Besonders die Beschreibungen der Zwischenwelt, der Geister und der Krankheitssymptome sind so plastisch und eindringlich übersetzt, dass man sie förmlich vor sich sieht (bzw. hört). Eine wirklich sehr gelungene Leistung!

Die Sprecherin: Rebecca Veil

Und dann kommt Rebecca Veil ins Spiel und setzt dem Ganzen die Krone auf. Ihre Stimme ist wandelbar, einfühlsam, zerbrechlich und kraftvoll zugleich. Besonders Hazels innere Monologe, ihre stille Verzweiflung und ihre unterdrückten Tränen – das alles bringt sie so nuanciert rüber, dass man mitfiebert und in meinem Fall einfach gnadenlos mitweint. Auch die unterschiedlichen Charaktere (vom kindlichen Hazel über den autoritären König bis hin zu Merrick) unterscheidet sie hörbar, ohne je übertrieben zu wirken. Die Emotionen sitzen gnadenlos perfekt. Ohne diese grandiose Lesung hätte das Buch sicher nicht halb so tief getroffen.

Die einzige echte Kritik

Der größte Wermutstropfen ist für mich der Klappentext (und das Marketing drumherum). Er suggeriert eine dramatische Hof-Intrigen-Story mit rebellischem Prinzen, Enemies-to-Lovers-Vibes, Slow-Burn-Romance und einem gefühlt großen Kampf gegen den Tod, um den König zu retten. Das ist alles da – aber nur als Teil eines viel größeren und viel persönlicheren Ganzen. Tatsächlich begleiten wir Hazel von (fast) ihrer Geburt bis ins Alter; der Hof und der Prinz kommen erst relativ spät nach der Hälfte des Buches und sind im Grunde kein zentraler Fokus, sondern eine längere Etappe ihres Lebens. Es ist keine klassische „Court Fantasy“ mit Ballkleidern und Machenschaften, sondern vor allem eine sehr traurige, sehr berührende Lebensgeschichte über Einsamkeit, Verlust, Opferbereitschaft und die Frage, was ein erfülltes Leben eigentlich ausmacht und wie viele Leben es wert sind gelebt zu werden. Wer auf eine actionreiche Liebesgeschichte wartet, könnte enttäuscht sein. Wer aber ein tiefes, emotionales Märchen sucht, bekommt hier etwas wirklich Besonderes.

Vergleich zum Grimm’schen Märchen „Gevatter Tod“

Erin A. Craig nimmt das dunkle Grimm-Märchen „Der Gevatter Tod“ (Godfather Death, KHM 44) als lose Vorlage und webt daraus ein vielschichtiges und zeitloses Epos. Im Original suchen arme Eltern einen Paten für ihr 13. Kind und wählen – nach Ablehnung von Gott und Teufel – den Tod, weil er „alle gleich behandelt“. Der Tod wird Pate, schenkt dem Jungen die Gabe, Kranke zu heilen, warnt ihn aber: Bei sich selbst darf er den Tod nicht überlisten. Der Junge tut es doch, um Reichtum und Macht zu erlangen – und stirbt prompt.

Craig behält die Kern-Ideen bei: das 13. Kind, der Tod als Pate, die Heilgabe mit tödlichem Haken (das Sehen des unvermeidlichen Endes) und den Konflikt zwischen Gabe und Gehorsam. Aber sie dreht alles um: Statt eines ehrgeizigen Jungen folgen wir einem Mädchen, das nie Ruhm oder Reichtum wollte, sondern einfach nur Liebe, Zugehörigkeit und ein normales Leben. Merrick (der Tod) ist keine kalte, neutrale Figur mehr, sondern ein komplexer, fast väterlicher Gott mit Reue, Zuneigung und eigenen Fehlern. Die Geschichte erstreckt sich nicht über eine kurze Episode, sondern über ein ganzes Leben. So wird aus einer knappen, moralischen Warnung vor Hybris eine tragische, emotionale Reflexion über Verlust, Opfer, freien Willen und was ein „gut gelebtes Leben“ wirklich bedeutet. Craig macht das Märchen persönlich, herzzerreißend und hoffnungsvoll – ohne die düstere Grimm’sche Essenz zu verlieren.

Charakterentwicklung – Die Seelen des Buches

Was „Das Dreizehnte Kind“ so besonders macht, ist die meisterhafte, schrittweise Entwicklung der Figuren über Jahre hinweg.

Hazel Trépas ist das emotionale Herzstück: Von einem vernachlässigten, unsichtbaren Kind (das in der Scheune schläft, keinen Kuchen bekommt und nur toleriert wird, weil sie „versprochen“ ist) wächst sie zu einer Frau heran, die trotz allem Gutes tut – immer wieder, trotz Angst, Selbstzweifel und der moralischen Frage, was Richtig ist. Ihre größte Sehnsucht ist Akzeptanz und ein Zuhause, nicht der Ruhm, den Merrick für sie plant. Jede Erlösung, jeder Verlust (besonders der ersten Liebe) härtet sie ab, ohne sie innerlich zu verhärten; sie bleibt verletzlich, selbstlos, aber lernt langsam, für sich selbst zu kämpfen. Ihre Entwicklung fühlt sich organisch und schmerzhaft echt an – man leidet mit, weil Craig uns jede kleine Zurückweisung und jede winzige Freude spüren lässt.

Merrick (der Endgültige/Tod) ist alles andere als der klassische finstere Sensenmann. Er ist distanziert, weil er muss (Gleichgewicht von Leben und Tod), aber tief drin leidet er mit den Menschen. Seine Beziehung zu Hazel ist väterlich-kompliziert: Er plant ihr Leben „zum Besten“, erkennt aber zu spät, wie sehr er sie damit belastet hat. Seine Reue und die späten Geständnisse machen ihn zu einer der nuanciertesten Figuren – grausam und liebevoll zugleich.

Prinz Leo durchläuft keinen plötzlichen 180-Grad-Wandel (wie ich es irgendwo auf amazon in einer Rezension gelesen habe), sondern einen glaubhaften: Vom arroganten, verwöhnten Playboy, der eine Art Droge raucht und spottet, zu jemandem, der durch Krieg, Tod und echte Verantwortung lernt, was Empathie und Sinn bedeuten. Seine Entwicklung ist langsam, verdient und berührend – besonders, wie er Hazel schließlich sieht: Als liebenswerten Mensch mit all seinen Facetten.

Natürlich gibt es eine ganze Reihe an Nebenfiguren, die das Buch lebendig machen – beginnend von Hazels 12 Geschwistern, über ihre Eltern, ihre erste große Liebe, der König und alle, die am Hof leben bis hin zu Göttern und Propheten. Jede Figur erhält ihren Platz, ihre Aufmerksamkeit und trägt zum Großen und Ganzen bei. (Am Ende wurde irgendwie das Schicksal von Hazels „Höllenhund“ Kosmos unterschlagen. Ich hoffe, ihm geht’s gut, nachdem er sich am Hof den Bauch vollschlagen durfte.)

Fazit

5 von 5 Sternen (mit tränennassen Augen vergeben). „Das Dreizehnte Kind“ ist düster, märchenhaft, herzzerreißend und letztendlich tröstlich. Es geht um den Preis des Lebens, die Unausweichlichkeit des Todes – und darum, dass Liebe, Menschlichkeit und kleine Akte der Güte trotzdem einen Sinn ergeben. Erin A. Craig gelingt mit dieser erweiterten Grimm-Retelling etwas Seltenes: ein Buch, das einen zerreißt und gleichzeitig heilt. Rebecca Veils Lesung macht es zum perfekten und unvergesslichen Hörbuch-Erlebnis.

SPOILER zum ENDE

Die gesamte Handlung über habe ich mich ständig gefragt, wann diese Liebesgeschichte sich denn wirklich entwickeln würde, aber im Grunde ist es das, was zwischen den Zeilen passiert. Das Ende springt mehr oder minder von ihren zarten 19 Jahren, dem Opfer ihrer zweiten Kerze für das Leben Leos auf den Epilog. Auf ihren 99. Geburtstag. Wir erfahren, dass Leo den Thron für sie aufgegeben hat und sie ein einfaches, glückliches Leben geführt haben. Sie haben Kinder, Enkel und Urenkel. Und jedes Jahr hat sie einen Gewürzkuchen nur für sich erhalten. Sie erinnert sich an die einfachen schönen Momente zurück und fragt sich, ob das der Sinn des Lebens ist als sie spürt, dass die Kerze erlöschen wird. Während Leo glaubt, sie sei nur eingedöst und ihr liebevoll den Teller mit ihrem Kuchen aus den Händen nimmt, ist es Merrick, der in der Dunkelheit bei ihr erscheint und sie in ihren letzten Atemzügen in den Armen hält, um ihr zu sagen wie stolz er auf sie ist und wie sehr er sie all die Jahre geliebt hat. Ich weiß nicht warum, aber dieses Ende hat mich einerseits so traurig und so glücklich zurück gelassen … Ein so unfassbar schönes, verdientes Happy End und ein so eindeutig klares Ende. 90 glückliche Jahre nach all dem, was sie hatte durchmachen müssen, um endlich eine Familie und Liebe zu spüren. Und trotzdem all die Jahre, in denen sie sich gefragt hat, ob sie Merrick ausgereicht hat, weil er sich nicht mehr gezeigt hat, nur um dann zu erfahren, wie sehr er all die Jahre doch auf sie aufgepasst hat.

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