Christian Hardinghaus
Der Inspektor
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2016 bei Prolibris Verlag Rolf Wagner erschienenen Titels „Schlemihls Schatten“.
Christian Hardinghaus. 9783690902496 (Kindle-Position28). Kindle-Version.
Ein brutaler Mord erschüttert die Stadt: Ein Journalist, erstickt mit seinen eigenen Schlagzeilen. Am Tatort findet sich zudem ein rätselhaftes Gedicht, das weitere Taten ankündigt.
Kommissar Echtner ist suspendiert, psychisch labil, drogenabhängig – ein Polizist kurz vor dem Absturz. Doch dieser Fall lässt ihn nicht los. Gegen jede Vorschrift nimmt er die Ermittlungen auf. Getrieben vom Wunsch nach Wiedergutmachung – und von etwas, das tiefer in ihm lauert.
Bald wird klar: Die Morde folgen einem verstörenden Muster. Reime wie aus Kinderversbüchern. Opfer, die mit einem perfiden Sinn für Gerechtigkeit ausgewählt wurden. Und ein Täter, der Echtners Schritte kennt – und ihn zum Spielball seines Plans macht.
Was als Suche nach Erlösung beginnt, wird zu einem Abstieg in die Dunkelheit. Denn je näher Echtner dem Täter kommt, desto mehr verschwimmt, was wirklich ist.
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
Christian Hardinghaus hat mit Der Inspektor einen Psychothriller geschaffen, der nicht nur durch seine Spannung fesselt, sondern auch durch die ungewöhnliche Figurenkonstellation und die Selbstinszenierung seines Täters. Schon der erste Mord – ein Journalist, erstickt mit seinen eigenen Schlagzeilen – setzt den Ton für eine Geschichte, die kompromisslos in die Abgründe menschlicher Psyche führt.
Echtner – der Ermittler am Abgrund
Kommissar Echtner ist weit entfernt vom klassischen Heldenbild. Suspendiert, drogenabhängig, psychisch labil – er ist ein Mann, der längst aus der Spur geraten ist. Was ihn antreibt, ist weniger die Suche nach Gerechtigkeit als vielmehr der Drang, allen zu beweisen, dass er noch etwas „drauf hat“. Der Innendienst ist für ihn eine Demütigung, eine Rolle, die ihm nicht gerecht wird. Hardinghaus zeichnet ihn als jemanden, der sich verzweifelt gegen das eigene Scheitern stemmt und dabei immer unsympathischer wirkt.
Gerade diese Darstellung ist spannend: Echtner ist nicht der Held, sondern ein Getriebener, dessen Selbstzerstörung die Ermittlungen überschattet. Seine Wahrnehmung verschwimmt zunehmend zwischen Realität und Wahn, sodass man als Leser nie sicher sein kann, ob er die Kontrolle behält.
Konrad – der Täter mit großen Ambitionen
Dem Ermittler gegenüber steht Konrad, der Mörder, der sich selbst „der Inspektor“ nennt. Nach dem ersten Mord stolpert er über den Begriff „Schlemihl“ – ursprünglich aus dem Jiddischen, wo er „einen gerissenen Menschen“ bezeichnet. Konrad übernimmt diesen Namen und macht ihn zu einem Teil seiner Selbstinszenierung. Hardinghaus verknüpft das zusätzlich mit einer popkulturellen Referenz: In der Sesamstraße taucht die Figur Schlemihl auf, bekannt für den Running Gag „Pssst… willst du ein A kaufen?“ oder „Jaaa genaauuuu“.
Diese groteske Mischung – jüdische Sprachtradition und Kinderfernsehen – verstärkt die Ambivalenz der Figur. Konrad will der erste moderne Serienkiller in Osnabrück werden. Nach jedem Mord hinterlässt Konrad selbst verfasste Kinderreime auf Zetteln, die wie harmlose Verse wirken, aber Hinweise auf den nächsten Mord enthalten.
Ellen – mehr als eine Nebenfigur
Ellen Erotic, die Prostituierte, wirkt anfangs wie eine Randfigur. Doch im Verlauf der Handlung gewinnt sie zunehmend an Bedeutung. Sie ist nicht nur eine Begleiterin, sondern wird zu einer tragenden Figur, die Konrads Pläne und Sehnsüchte verkörpert. Sein Ziel ist es, mit ihr nach Belize zu fliehen und dort mit dem Erbe seiner Mutter eine Tierpflege aufzubauen.
Gerade am Ende zeigt sich, dass Ellen mehr ist als nur eine Projektionsfläche für Konrads Fantasien. Sie wird zu einer Figur, die die Handlung mit einer unerwarteten Tragik bereichert.
Erzählweise und Stil
Hardinghaus schreibt flüssig, atmosphärisch und direkt. Die kurzen Kapitel und schnellen Szenenwechsel erzeugen eine Spannung, der man sich kaum entziehen kann. Besonders gelungen sind die Perspektivwechsel zwischen Echtner und Konrad, die den Leser immer wieder neu packen. Man weiß nie, welche Figur als Nächstes im Mittelpunkt steht, und genau diese Unberechenbarkeit macht den Reiz aus.
Auch kleine Spitzen im Text lockern die düstere Atmosphäre auf. Ein Beispiel ist die ironische Zuspitzung einer Genderdebatte, die mitten im Thriller für einen kurzen Moment Leichtigkeit sorgt: „Wie sieht es denn mit Rettungssanitäterinnen oder -sanitätern, Ärztinnen oder Ärzten, Polizistinnen oder Polizisten aus?“ – „Du meine Fresse, was für eine Emanze“, raunte Bärlein.
Solche Momente zeigen, dass Hardinghaus nicht nur die Abgründe seiner Figuren auslotet, sondern auch gesellschaftliche Diskurse pointiert ins Absurde hebt. Generell ist der Sprachgebrauch vor allem bei den Ermitteln eher derb.
Die Spannung bleibt über das gesamte Buch hinweg konstant hoch. Durch die wechselnden Perspektiven entsteht ein Rhythmus, der den Leser immer wieder neu fesselt. Besonders stark ist das Finale: Mit dem Twist am Ende hätte ich niemals gerechnet. Hardinghaus gelingt es, alle losen Fäden zusammenzuführen und ein Ende zu präsentieren, das gleichermaßen schockierend wie stimmig ist – und irgendwie dann doch auch traurig.
Fazit
Der Inspektor ist ein Psychothriller, der nicht nur durch seine brutale Ausgangslage fesselt, sondern vor allem durch die psychologische Tiefe seiner Figuren und die ungewöhnliche Rollenverteilung überzeugt. Echtner ist der Ermittler, der gefallen ist, getrieben von dem Drang, sich selbst zu beweisen, während Konrad als Täter fast kontrolliert und zielgerichtet wirkt. Ellen, zunächst nur eine Nebenfigur, erhält am Ende eine tragende Rolle, die die Geschichte bereichert und ihr zusätzliche Tragik verleiht.
Ein fesselnder, vielschichtiger Thriller, der zeigt, dass Genre-Literatur nicht nur Spannung, sondern auch psychologische Tiefe und groteske Selbstinszenierung bieten kann.