Kim Nina Ocker
Veiled by Midnight
Teil 2 der Reihe "Last Shadows"
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
Mit „Veiled by Midnight“ setzt Kim Nina Ocker die Last-Shadows-Reihe fort und knüpft unmittelbar an die Ereignisse von „Masked by Nightfall“ an. Meine Rezension zu Band 1 ist unter folgendem Link nachzulesen: [Link hier]. Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar über netgalley.de erhalten. Der zweite Band erscheint bei Lyx und umfasst rund 704 Seiten. Die Geschichte nimmt den Faden dort auf, wo der Vorgänger endete, und führt die Figuren in eine neue, gefährliche Umgebung.
Handlung (spoilerfrei)
Elodie Havare gerät durch eine Entscheidung, die ohne ihr Wissen getroffen wurde, in eine prekäre Lage. Gemeinsam mit Kendrick, Jax und weiteren Anwärtern findet sie sich jenseits des Bruchs wieder, im Land der Götter, das als Todeszone gilt und den Namen Yris (also bei den Menschen, die Götter nennen ihre Welt anders) trägt. Was als riskante Mission beginnt, stellt die Gruppe vor Herausforderungen, die weit über das hinausgehen, was sie in der Auslese erlebt haben. Elodie steht unter Druck, weil sie den Status einer Abtrünnigen riskiert, sollte sie nicht zurückkehren. Die Sorge um ihre Familie und die finanzielle Absicherung für die Behandlung ihrer Mutter treibt sie an. Gleichzeitig wachsen Zweifel an den Motiven derjenigen, die sie für vertrauenswürdig gehalten hat. Die Gruppe bewegt sich durch eine Welt, in der alte Konflikte und verborgene Verbindungen nach und nach sichtbar werden. Gefahr lauert nicht nur von außen, sondern auch innerhalb der eigenen Reihen. Die Handlung bleibt dabei eng an den inneren Konflikten der Figuren orientiert und führt sie tiefer in eine Region, die bislang nur als Bedrohung am Horizont stand.
Tropes
Forced proximity, hidden identity, found family, he falls first, enemies to lovers, who did this to you, demi-god reveal, prophecy, sibling reveal, betrayal, memory loss
Charaktere und ihre Entwicklung
Elodie behält ihre sarkastische und gelegentlich überdramatische Art bei, die ich bereits im ersten Band geschätzt habe. Sie reagiert auf die neue Situation mit Trotz und dem Drang, die Kontrolle zurückzugewinnen. Gleichzeitig fällt auf, dass sie in Muster zurückfällt, die sie im Vorgänger bereits hinter sich gelassen zu haben schien. Die Entwicklung, die sie dort durchlaufen hat, scheint hier teilweise wieder zurückgenommen zu werden. Sie handelt stur und impulsiv, was in der neuen Umgebung nachvollziehbar ist, aber den Fortschritt der Figur nicht konsequent fortsetzt.
Jax bleibt in seiner Haltung weitgehend konstant. Die Hinweise auf seine Herkunft und seine Rolle werden früh gestreut und wirken nicht wie ein später Überraschungsmoment. Seine Motivationen werden im Laufe der Geschichte deutlicher, doch die Figur bewegt sich insgesamt wenig von ihrem Ausgangspunkt weg.
Kendrick, Flynn und Brianna treten stärker in den Vordergrund und sind in den geheimen Plan eingebunden. Tatsächlich bleiben aber die Nebenfiguren eher im Hintergrund, auch wenn hier und da mehr über die Vorgeschichte erzählt wird. Manchmal habe ich das Gefühl als würde sich bewusst zurück gehalten, um sich für die folgenden Bände noch Informationen aufzubewahren oder weil es schlicht nicht relevant ist, weil ein Charakter sterben könnte. Allerdings bleibt irgendwie die Emotionalität und Verbundenheit zu den Charakteren immer weiter zurück.
Schreibstil, Worldbuilding usw.
Der Schreibstil bleibt nah am ersten Band. Die Kapitel beginnen gelegentlich mit Briefen oder Auszügen aus Büchern, die dem Leser Informationen liefern, die den Figuren selbst nicht zugänglich sind. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem Wissen der Lesenden und dem der Protagonistin. Die Sprache ist klar und direkt, ohne unnötige Ausschmückungen. Dialoge tragen die sarkastische Note Elodies weiter und halten den Ton der Reihe.
Das Worldbuilding weitet sich spürbar aus. (ACHTUNG FETTER SPOILER IN DIESEM ABSATZ!) Yris, das Land der Götter, erhält Konturen: Es gibt Städte, weitere Götter und eine Rebellion. Die Todeszone erweist sich als belebter und komplexer, als die vorherige Darstellung vermuten ließ. Gleichzeitig wechselt der Fokus von der Auslese und der Rolle der Erbin hin zu einem Konflikt zwischen Göttern und Menschen. Die Prophezeiung um eine zweite Tochter der Göttin Sathana, die einst die Menschen erschuf und damit den Krieg auslöste, wird eingeführt und legt den Grundstein für kommende Entwicklungen. Die Hiroja, hier in Form des Luchses Torwyn, der sich an Elodie bindet, nachdem sie ihn gerettet hat, erweitern das magische System und schaffen eine persönliche Verbindung zur neuen Umgebung.
Die Länge des Bandes führt zu wiederkehrenden Hin- und Her-Bewegungen der Figuren. Ähnlich wie im ersten Band gibt es Passagen, in denen die Handlung scheinbar auf der Stelle tritt, bevor neue Informationen oder Wendungen folgen. Ob dies der Seitenanzahl geschuldet ist oder bewusst gesetzt wurde, bleibt offen. Die Atmosphäre der Todeszone und die schrittweise Enthüllung der Götterwelt tragen jedoch dazu bei, dass die Welt greifbarer wird.
Meinung (inkl. Spoilern)
Der Band schließt nahtlos an den Vorgänger an. Kendrick, Elodie und Jax gelangen in den Bruch und damit nach Yris. Elodie war nicht in den geheimen Plan eingeweiht und steht vor dem Problem, dass sie als Abtrünnige gilt, wenn sie nicht zu den Anwärtern zurückkehrt. Nur der finanzielle Druck wegen der Heilung ihrer Mutter hatte sie ursprünglich in die Auslese getrieben. Flynn und Brianna sind ebenfalls in den Plan involviert. Es stellt sich heraus, dass Brianna und Jax Halbgeschwister sind und beide Dimara suchen. Am gleichen Tag verschwanden sechs weitere Soldaten, was kein Zufall ist. Alle Eingeweihten stehen in verwandtschaftlicher Beziehung zu den Vermissten.
Früh im Buch hatte ich die Vermutung, dass Jax ein Halbgott ist. Die Hinweise sind deutlich gesetzt und werden später bestätigt. Bei etwa dreißig Prozent flüchtet Elodie vor der Gruppe, um zu den Anwärtern zurückzukehren. Sie findet einen Weg, doch die Krone hat Soldaten geschickt, um sie als Erbin zu holen. Es stellt sich heraus, dass ihre Schwester Alena sie verraten hat. Elodie kehrt daraufhin nach Yris zurück. In diesem ganzen Teil erhalten wir in meinen Augen so gut wie gar keine relevanten Informationen für die Story oder irgendeine Art von Entwicklung des Charakters. Ich glaube, die Zeit zurück in den Bracken dient nur dem Zeitsprung, um die Gruppe in Yris weiter voranzutreiben und die Stadt zu finden und sich scheinbar dort sogar schon zu etablieren.
In der Götterwelt existieren weitere Götter, mindestens eine Stadt und eine Rebellion. Hier setzt ein Wechsel ein, der mich stört. Band 1 hatte die Geschichte der Erbin und der Auslese sorgfältig aufgebaut. Nun verschiebt sich der Fokus auf einen Konflikt zwischen Göttern und Menschen, der bekannte Muster bedient. Elodie findet ein Buch mit einer Prophezeiung über eine zweite Tochter der Göttin Sathana. Die Annahme, dass Elodie diese Tochter ist und die Prophezeiung in einem weiteren Band erfüllen muss, liegt nahe und wirkt vorhersehbar, zumal sie Teile davon einfach auch schon erfüllt. Es wird ein Opfer angedeutet, um die Welten wieder zu vereinen …
Später geraten sie in einen Hinterhalt. Elodie lässt sich von Flynn die Erinnerungen nehmen, damit sie bei einer Gefangennahme nichts verraten kann. Sie vertraut ihm an, dass sie von Jax’ Plänen weiß und von der Doppelgängerin. Flynn stirbt, bevor er Jax informieren kann. Am Ende ist Elodie verschwunden, vermutlich ohne Erinnerungen, und Jax weiß von nichts. Ja – es könnte ein mega Cliffhanger sein, wenn ich dieses Prinzip dieses Jahr nicht einfach schon so oft gelesen hätte. Wir sind ab ca. 60% des Buches bis zum Ende hin einfach in einer Liste an Klischee, die abgearbeitet werden, gefangen.
Die Charakterentwicklung empfand ich als teilweise schwach. Elodie fällt in sturere Verhaltensweisen zurück, obwohl sie im ersten Band bereits Fortschritte gemacht hatte. Jax bewegt sich kaum von seinem Ausgangspunkt weg. Die wiederholten Hin- und Her-Bewegungen erinnern stark an den Vorgänger und dehnen die Handlung. Die Einführung der Prophezeiung und der Götter-Menschen-Konflikt wirken wie ein Schwenk in vertraute Bahnen, der den vorherigen Aufbau relativiert.
Fazit
„Veiled by Midnight“ führt die Geschichte konsequent fort und öffnet die Welt hinter dem Bruch. Die neuen Schauplätze und Verbindungen erweitern den Rahmen, doch die Figuren entwickeln sich uneinheitlich und die Handlung weist wiederkehrende Längen auf. Die Enthüllungen zu Herkunft und Prophezeiung sind teilweise früh absehbar. Der Band hinterlässt offene Fragen und bereitet den nächsten Teil vor, ohne alle Fäden zu knüpfen.