Alexia Casale
Ein Mann zum Vergraben
Wie werde ich seine Leiche los – in 14 Tagen?
Wie werde ich meinen toten Mann los?
Diese Frage stellt sich Sally, als sie mit der blutbeschmierten, gusseisernen Pfanne vor der Leiche ihres Ehemanns steht. Ihn zu erschlagen, hatte sie nicht geplant. Eigentlich sollte sie jetzt die Polizei rufen. Eigentlich. Doch stattdessen genehmigt sie sich erst einmal ein schönes Stück Kuchen und lässt sich ein Schaumbad ein. Wenig Grund zur Trauer haben auch Ruth, Samira und Janey, die ebenfalls ihre tyrannischen Ehemänner entsorgen müssen. Dieses ungewöhnliche Problem schweißt zusammen: Die vier Frauen gründen eine Selbsthilfegruppe der besonderen Art – den Club der heimlichen Witwen. Und entwickeln ungeahnte Kreativität …
»Sie haben es verstanden, ja? Nicht nur, wie es passierte, sondern auch, warum. Und wenn Sie das Warum verstanden haben, wird Ihnen auch klar sein, dass es ein Unfall war. Denn es war definitiv ein Unfall. Jedenfalls eine Art Unfall. Ein Jim-Unfall. Zumindest wird Ihnen klar sein, dass ich es nicht gewollt hatte. Nicht geplant hatte. Ich dachte nicht einmal nach, meine Hand bewegte sich … von selbst. Mehr oder weniger. Und überhaupt darf man niemanden dafür kritisieren, dass er sich verteidigt. Das ist nicht nur legal, sondern absolut korrekt und angemessen. Moralisch picobello. Ich schaue zur Bratpfanne. Vom Rand fällt noch ein Blutstropfen.«
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
Manchmal begegnet man einem Buch, dessen Prämisse so unverschämt, so makaber und gleichzeitig so genial ist, dass man es einfach lesen muss. „Ein Mann zum Vergraben“ von Alexia Casale ist genau so ein Fall. Schon der Klappentext verspricht eine „Krimi-Komödie“ rund um die Frage „Wie werde ich seine Leiche los – in 14 Tagen?“. Aber wer hier reinen Humor oder ein typisches Frauen-Buch erwartet, liegt falsch. Casale verpackt eines der schlimmsten sozialen Probleme – häusliche Gewalt gegen Frauen – in eine rasante, komische und unfassbar spannende Geschichte über Freundschaft und die schmerzhaft erkämpfte Freiheit.
Die Abgründe des Corona-Lockdowns
Die Geschichte beginnt mit einem unfreiwilligen Knall – oder besser gesagt, mit einem Schlag einer gusseisernen Bratpfanne. Die Protagonistin Sally, die ich von der ersten Seite an ins Herz geschlossen habe, steht fassungslos vor der Leiche ihres Ehemanns Jim. Es war ein tragischer, wenn auch im Grunde überfälliger, „Jim-Unfall“. Nach Jahren der psychischen und physischen Qual, nach jahrelangem Leiden unter einem tyrannischen, narzisstischen Ekelpaket, schlägt Sally im Affekt zurück. Anstatt von Reue oder Panik wird sie überwältigt von einem Gefühl, das sie fast vergessen hatte: Freiheit. Und die will sie sich nicht durch einen Gefängnisaufenthalt nehmen lassen.
Der entscheidende und brillante Dreh der Geschichte ist das Setting: der große Corona-Lockdown. Die Autorin hat die Pandemie nicht nur als zufälligen Hintergrund gewählt, sondern als essenziellen, fast zynischen Katalysator, der die Handlung zunehmend antreibt. Der Lockdown hat die Gewalt in den Haushalten weltweit dramatisch verstärkt, weil die Opfer mit ihren Peinigern eingesperrt waren und die üblichen Unterstützungssysteme wegfielen. Gleichzeitig bietet die erzwungene Isolation für Sally eine einmalige, wenn auch makabre, Chance: Wann sonst wäre es einfacher, einen Mann einfach „verschwinden“ zu lassen? Niemand darf ohne triftigen Grund auf die Straße, die Nachbarn sind auf Abstand – außer einer: Edwina. Diese scheinbar stalkende, ältere Nachbarin, die die Corona-Polizei der Siedlung spielt und jeden Verstoß gegen die Abstandsregeln pedantisch notiert, ist die perfekte Antagonistin. Ihre fast schon absurde Pedanterie schafft eine herrliche Spannung, denn hinter jedem Busch könnte Edwina lauern. Ich musste bei den Szenen mit ihr oft schmunzeln, obwohl die Situation für Sally hochdramatisch war. Nur wenn wir ehrlich sind, hatten wir doch alle diese Nachbarn: Die, die nur darauf gewartet haben, dass man einen falschen Handschlag macht und sie mit dem ausgedruckten Roman an Corona-Vorschriften vom Fenster aus wedeln konnten.
Unerwartete Unterstützung
Der Roman gewinnt rasant an Fahrt, als Sally feststellt, dass sie mit ihrem „Entsorgungsproblem“ nicht allein ist. Bei nächtlichen Streifzügen trifft sie auf Ruth, deren Mann ebenfalls das Zeitliche segnete, kurz nachdem er sie wieder einmal verprügeln wollte. Wenig später stoßen Samira und Janey hinzu. Und damit beginnt die Geburtsstunde des „Clubs der heimlichen Witwen“. Vier Frauen, vier Leichen, ein großes, gemeinsames Geheimnis. Was mich hierbei tief berührt hat, war die Menschlichkeit, die Casale diesen Frauen schenkt. Sie sind keine eiskalten Mörderinnen, sondern Opfer, die sich in einem Moment äußerster Notwehr zu den Täterinnen wandeln mussten. Ihre individuellen Schicksale sind erschreckend: Sallys jahrelange Quälerei, Ruths Kampf, Samiras Situation, die die Autorin nutzt, um auch das wichtige Thema Zwangs- und Kinderehen anzusprechen. Die Gewalt ist hier kein eindimensionales Problem der Unterschicht, sondern durchzieht alle sozialen Schichten und kulturellen Hintergründe – ein facettenreicher und wichtiger Aspekt, der mich sehr nachdenklich gestimmt hat.
Die Dynamik zwischen Sally, Ruth, Samira und Janey ist das Herzstück des Buches. Sie finden ineinander eine unkonventionelle Selbsthilfegruppe, einen sicheren Hafen, wo sie endlich offen über ihre Ehehöllen sprechen können. Nur sie können nachempfinden, wie es sich anfühlt, jahrelang unterdrückt und erniedrigt zu werden, und nur sie können das Dilemma der plötzlichen Freiheit verstehen. Die Freundschaft, die sich aus dieser Notgemeinschaft entwickelt, ist zutiefst berührend. Sie wachsen über sich hinaus, entwickeln ungeahnte Kreativität bei der Leichenbeseitigung und lernen, wieder das Leben zu genießen – sei es durch ein einfaches Stück Kuchen oder die geliebte Gartenarbeit, für die Sally endlich wieder Zeit hat. Casale singt hier ein echtes Loblied auf die Macht der weiblichen Solidarität.
Britisch-Schwarzer Humor
Trotz des schrecklich ernsten Themas ist der Roman gespickt mit einem großartigen, sehr britischen, schwarzen Humor. Dieser Humor ist nie respektlos gegenüber dem Leid der Frauen, sondern dient als Entlastung gegenüber der schweren Thematik. Die Dialoge sind auf den Punkt gebracht, und die absurden Situationen, in denen die Frauen versuchen, die Leichen (mit kuriosen Methoden zur Geruchsverhinderung) zu entsorgen und dabei immer wieder von Handwerkern oder besuchenden Kindern gestört werden, sind zum Schreien komisch. Diese Mischung aus makabrer Situation und britischer Gelassenheit hat mich immer wieder zum Lachen gebracht.
Natürlich muss man bei „Ein Mann zum Vergraben“ über die Unglaubwürdigkeit hinwegsehen. Vier Frauen in unmittelbarer Nachbarschaft, die fast zeitgleich ihre Männer beseitigen müssen? Das ist so realitätsfern, dass es schon wieder künstlerisch notwendig ist. Ich fand, dass die kleinen Logikfehler, wie die Frage, warum nun doch zwei Männer zerteilt werden mussten, oder die hohe Zufallsdichte, im Gesamtbild kaum ins Gewicht fallen. Die Vermischung von Krimi, Komödie und ernster Sozialkritik hat für mich perfekt funktioniert. Die Autorin hält die Spannung bis zur letzten Seite, indem sie lange Zeit völlig im Dunkeln lässt, welche Lösung die Frauen für ihr gigantisches Entsorgungsproblem finden werden. Die Kapitel haben eine angenehme Leselänge und die wechselnden Perspektiven bieten die nötige Distanz und Tiefe, um alle Handlungsstränge schlüssig miteinander zu verknüpfen.
Klare Leseempfehlung
„Ein Mann zum Vergraben“ ist ein kurzweiliges, fesselndes und tiefgründiges Lesevergnügen. Es ist mehr als nur ein unterhaltsamer Frauenroman; es ist ein Manifest der Selbstverteidigung und der Freundschaft. Alexia Casale, die selbst lange Zeit mit Organisationen für Menschenrechte im Bereich Gewalt gegen Frauen zusammengearbeitet hat, liefert hier einen Roman ab, der nicht nur zum Lachen, sondern vor allem zum Nachdenken anregt. Wie sie im erschreckend informativen Nachwort erklärt, will sie mit dem Buch die Menschen zum Lachen bringen – und dann zum Nachdenken. Denn Gewalt von Männern gegen Frauen ist eine Pandemie, die uns alle angeht.
Für Leser, die schwarzen Humor lieben und unkonventionelle Geschichten schätzen, die trotz ihrer Komik wichtige Fragen über Moral, Gerechtigkeit und die Notwendigkeit von Hilfe stellen, ist dieser Roman eine absolute, uneingeschränkte Empfehlung wert. Man fühlt sich nach der Lektüre nicht nur bestens unterhalten, sondern auch gestärkt und aufgerüttelt.