Kami Garcia
Joker/Harley - Psychogramm des Grauens
(Sammelband-Storys: Joker/Harley: Criminal Sanity 1–8, The Joker Casefiles & Notebook 1, Harley Quinn 30th Anniversary Special 1 (V) )
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
Idee & Originalität:
Cover & Aufmachung:
Charaktere & Entwicklung:
Schreibstil & Sprache:
Gesamtbewertung:
Kurzinfo: Was ist DC Black Label?
DC Black Label ist ein spezielles Imprint des DC Verlags für Geschichten, die sich an ein erwachsenes Publikum richten. Die Titel stehen außerhalb der Hauptkontinuität (Canon) und bieten Künstlern die Freiheit, die Charaktere in düsteren, psychologisch komplexen und oft realistischeren Szenarien neu zu interpretieren, die explizite Themen und Gewalt beinhalten können.
Der Sammelband inszeniert Harley Quinns Ursprungsgeschichte als düsteren Psychothriller im Noir-Stil: Als forensische Profilerin des GCPD jagt Dr. Harley Quinn den Joker – den Serienmörder, der ihre Mitbewohnerin Edie Malone tötete und seine Opfer wie makabre Kunstinstallationen zurücklässt.
Mich reizte die Aussicht, die komplizierte Dynamik zwischen Harley und dem Joker nicht wie üblich als Comic-Chaos-Duo, sondern als True-Crime-Fallstudie zu erleben, in der Harley die Jägerin und der Joker ein berechnender Täter ist. Ich war gespannt, wie die Macher die ikonischen Figuren neu interpretieren würden. Meine Erwartungen wurden durch den sofortigen fotorealistischen Stil und das düstere Setting übertroffen. Der erste Eindruck ist sehr positiv: Die Schwarz-Weiß-Ästhetik der aktuellen Zeitlinie erzeugt eine bedrückende Atmosphäre, die perfekt zum Krimi-Genre passt und sich stark von traditionellen Detective Comics unterscheidet. Die ersten farbigen Rückblenden deuteten zudem ein großes erzählerisches Potenzial an. Das Werk fühlt sich an wie eine Hommage an die härtesten Kriminalfälle und Profiler-Serien.
Inhalt (ohne Spoiler!)
Die zentrale Protagonistin ist die brillante, wenn auch von Rache besessene, Profilerin Dr. Harley Quinn. Der Antagonist, der die gesamte Handlung antreibt, ist der namenlose Serienmörder, bekannt als der Joker. Die Geschichte spielt in Gotham City, ist aber im Gegensatz zur Hauptkontinuität als düsterer, fotorealistischer True-Crime-Schauplatz inszeniert. Die Handlung wird durch den persönlichen Konflikt und die Obsession von Harley angetrieben: Sie ist nicht nur eine Ermittlerin, sondern eine Jägerin, die den Mann fassen will, der ihr das Liebste genommen hat. Ihr Konflikt liegt darin, ob sie bei der Jagd nach dem Joker die Grenzen der Legalität überschreiten muss und wie sehr sie sich selbst dabei verliert.
Die Geschichte wechselt dabei zwischen der in Schwarz-Weiß gehaltener Gegenwart, in der Harley den Joker verfolgt, und farbigen Rückblenden, die die psychologisch komplexen Ursprünge beider Hauptfiguren beleuchten.
Meine Meinung & Analyse (Spoiler-Alarm!)
Der Sammelband „Joker/Harley: Psychogramm des Grauens“ bricht mit den Konventionen des DC-Universums und etabliert sich als Pseudo-True-Crime-Thriller. Er verzichtet bewusst auf übertriebene klassische Comic-Elemente und übertrieben bunte Farben und versetzt die ikonischen Figuren in eine kalte, fast dokumentarische Realität.
Der Stil: Präzision und psychologische Umkehrung
Die Autorenhandschrift von Kami Garcia ist das Fundament dieses Tons. Der Schreibstil ist präzise, ruhig und analytisch, orientiert an polizeilichen oder forensischen Gutachten, was dem Leser das Gefühl vermittelt, in einen realen Fall blicken zu können. Die Glaubwürdigkeit dieser künstlich erzeugten Realität wird durch die explizite Heranziehung von realen Serienmördern wie Ted Bundy, John Wayne Gacy und Ed Gein zur Fallanalyse untermauert.
Die visuelle Gestaltung durch Mico Suayan und Mike Mayhew ist das zweite tragende Element. Der fotorealistische Zeichenstil nimmt den Figuren jegliche Comichaftigkeit und verankert sie in einer harten, ungeschönten Realität. Dies wird durch das konsequente Spiel mit Farbe und Licht untermauert:
- Gegenwart als Trauma: Die aktuelle Handlung um Harleys Ermittlungen wird im kühlen, distanzierten Schwarz-Weiß des Noir-Stils gehalten. Diese Farbentscheidung ist kein reiner Stilwille, sondern eine psychologische Entscheidung: Das Fehlen von Farbe in der Gegenwart symbolisiert Harleys traumatisierte Realität, die Leere und die emotionale Distanzierung, die sie als Profilerin aufgebaut hat.
- Im Gegensatz zum klinischen Schwarz-Weiß der Gegenwart sind die Rückblenden in die Ursprünge der Figuren in intensiver Farbe getaucht. Diese visuelle Entscheidung ist keine bloße Ästhetik, sondern eine psychologische Umkehrung. Die Farbe repräsentiert hier nicht Lebensfreude, sondern die hohe emotionale Intensität: Sie zeigt Harleys Misshandlung und Demütigung im Elternhaus sowie die traumatische Kindheit von John Kelly und sein Wandel zum Joker. Die Farbigkeit hebt diese Erinnerungen als die existentiell wichtigere Ebene der Erzählung hervor, da sie die Ursachen für die dysfunktionale Gegenwart legen. Die Lebendigkeit der Farben verdeutlicht, dass das Vergangene nicht verblasst ist, sondern die schwarz-weiße Realität der Gegenwart aktiv bestimmt.
- Spot-Color als Signatur: Stilistisch auffallend ist die Spot-Color-Technik. In den Schwarz-Weiß-Szenen leuchten nur das grüne Haar und das rote Lächeln des Jokers, sondern auch das rote Blut der Opfer. Die Farbe wird damit zur Signatur des Bösen, die wie ein unvermeidlicher Kontrast zur grauen, zynischen Welt Gothams sticht.
Die radikale Ursprungsgeschichte: John Kelly und seine Obsession
Der Comic bricht mit der Joker-Mythologie, indem er dem namenlosen Psychopathen eine feste Backstory als misshandelter Teenager (John Kelly) gibt, wodurch seine Unberechenbarkeit zugunsten einer psychologisch fundierten True-Crime-Analyse reduziert wird.
Der Joker wird als John Kelly identifiziert, ein hochbegabter, aber zutiefst missbrauchter junger Mann. Seine Entwicklung wird nicht nur durch einen Unfall, sondern durch psychische Gewalt und schlussendlich durch Rache ausgelöst.
- Die Tötung des Stiefvaters Mick Kelly markiert den Wendepunkt und den Beginn von Johns Karriere als Serientäter, ausgelöst durch die Enthüllung, dass Mick nicht sein leiblicher Vater ist. Als erste schreckliche Signatur verformt John Kelly einen Kleiderbügel und presst diesen dem Toten in den Mund, um ihm ein Zwangslächeln aufzupressen – eine Rache für das jahrelange Verbot, fröhlich zu sein. Seine Verbrechen beginnen als Racheakt an misshandelnden Vätern in der Nachbarschaft, denen er – fortan mit einer selbstgemalten Totenkopfmaske verhüllt – ebenfalls diese „Lächeln-Signatur“ verpasst.
- Seine Taten eskalieren schnell. Sie werden zu makabren „Kunstinstallationen“ mit Referenzen zu Salvador Dalí (Venus mit Schubladen) und Leonardo da Vinci, da er ein immer größeres Publikum und Anerkennung sucht. Diese Entwicklung von der einfachen Rache zur „Live-Performance“ zeigt seine steigende narzisstische Störung.
- Der Hass auf Batman: Auch Johns Batman-Obsession wird geerdet. Sie entspringt nicht dem Chaos, sondern einem spezifischen Trauma: John ist überzeugt, dass Batmans rasanter Fahrstil den tödlichen Verkehrsunfall seiner Mutter verursacht hat. Batman ist hier der Auslöser des persönlichen Schmerzes, nicht nur der Gegenspieler. Um so schmerzhafter ist es, dass er anfangs durch das Hinrichten brutaler Schläger mit Batman verglichen wird.
Harleys Weg zur Selbstzerstörung
Dr. Harley Quinns Weg zur Obsession ist der Spiegel zu Johns Trauma. Sie ist eine brillante Profilerin, aber ihre Professionalität wird immer noch getrieben durch den Mord an ihrer Mitbewohnerin Edie Malone, die für sie die einzige verbliebene Familie war.
- Harleys eigene Herkunft ist von Misshandlung durch die Mutter geprägt. Diese zerrüttete Beziehung findet ihren Höhepunkt in der Geste, dass Harley bei der Beerdigung lediglich eine Zigarettenkippe auf den Sarg wirft.
- Malones Tod war ein Kollateralschaden in Johns Rachefeldzug. Diese Erkenntnis macht Harleys Besessenheit nur noch tragischer, da sie ein Missverständnis der Umstände ist, aber ihre emotionale Reaktion, dass etwas in ihr zerstört wurde, „was nie wieder ganz werden kann“, absolut echt.
Verbindung zum Canon
Obwohl dieser Band unter dem Black Label steht und nicht kanonisch ist, nutzt er bewusst Anspielungen:
- Ace Chemicals: Der finale Showdown findet in der Ace Chemicals Fabrik statt. Dies ist eine klare Hommage an den klassischen Ursprung des Jokers, auch wenn in dieser Black-Label-Version ein anderes Ende vorgesehen ist.
- Joker & Harley’s Dynamik: Im Canon ist Harley Jokers Psychiaterin, die er manipuliert und in den Wahnsinn treibt. Hier ist sie seine Jägerin, aber das Ergebnis ist dasselbe: Seine abschließende Behauptung, Harley sei sein „Meisterwerk“, das er durch ihre blinde Rache geschaffen hat, ist die Umkehrung ihrer klassischen toxischen Beziehung. Er hat sie nicht durch Worte und Gas manipuliert, sondern durch Trauer und Zorn zur Selbstjustiz gezwungen.
SPOILER: Der Sammelband schließt mit einem verstörenden Epilog: Der Joker wird festgenommen, doch die Transformation Harleys ist abgeschlossen. Sie kündigt ihren Job als Profilerin, um Selbstjustiz zu üben – sie hat die Rolle des Rächers, die auch der Joker zu Beginn seiner Laufbahn innehatte, übernommen. Das „Psychogramm des Grauens“ wird somit zum Psychogramm des Scheiterns des Gesetzes und der menschlichen Psyche. Es ist eine düstere Analyse darüber, wie die Jagd nach dem Wahnsinn in Gotham unweigerlich dazu führt, dass man selbst zu dem Monster wird, das man jagt.
Fazit
„Joker/Harley: Psychogramm des Grauens“ ist die perfekte Abendlektüre für alle, die True-Crime-Thriller lieben und sich gerne mit der forensischen Psychologie von Serienmördern auseinandersetzen, aber auch für Leser, die eine psychologisch anspruchsvolle Neuinterpretation der DC-Ikonen wünschen. Dieses Buch richtet sich explizit an erwachsene Leser, die keine Superhelden-Action suchen, sondern bereit sind, die Figuren in einer realistischen Noir-Welt kennenzulernen, die Misshandlung und Gewalt thematisiert. Es ist ideal für Neueinsteiger ins Comic-Universum, da es komplett außerhalb der komplexen Hauptkontinuität angesiedelt ist.
Das unbestreitbare Highlight dieses Sammelbandes ist die innovative Bildsprache. Die Entscheidung, die Erzählung in Schwarz-Weiß zu halten und nur die schmerzhaften Rückblenden in Farbe zu tauchen, ist ein visueller gut gelungener Trick. Sie dient nicht nur der Ästhetik, sondern vertieft die psychologische Ebene der Geschichte, indem sie die traumatisierte Gegenwart Harleys gegen die prägende Brutalität ihrer Vergangenheit setzt. Ebenfalls herausragend ist die konsistente Darstellung des Jokers (John Kelly) als glaubwürdiger, narzisstischer Serienmörder, dessen Taten von der Rache zur „Kunst-Performance“ eskalieren.
Dieser Band ist eine intensive psychologische Fallstudie. Wer bereit ist, sich auf eine düstere, beklemmende Atmosphäre und eine Handlung einzulassen, die ihren Protagonisten die Hoffnung nimmt und Harley Quinns endgültige Verwandlung zur Selbstjustiz-Antiheldin erklärt, wird hier einen gelungenen modernen Comic finden.