Emilie Blichfeldt
The Ugly Stepsister
Kurzbewertung
Handlung & Storytelling:
Schauspiel & Charakterdarstellung:
Regie & visuelle Umsetzung:
Drehbuch & Dialoge:
Sounddesign & Musik:
Gesamtbewertung:
Ich habe den Film im Streaming nachgeholt, nachdem ich ihn im Kino verpasst hatte, und bin mit einer ganz klaren Erwartung reingegangen: Ekelhorror. Wer den Trailer sieht, in dem Zehen abgehackt und Nasen gebrochen werden, weiß, dass es nicht gemütlich wird. Ich war also darauf eingestellt, dass es einfach unter die Haut gehen wird. Und ja, es war eklig, aber nicht so, dass man es nicht aushalten könnte. Und unter uns gesagt: Niemand von uns schaut sich einen solchen Film an, wenn wir nicht ein bisschen auf diesen Ekel stehen würden. (Die Szene, in der die Wimpern angenäht werden, haben mich dann aber doch kurz zum Würgen gebracht. Beim Rest habe ich tapfer durchgehalten.) Der Film setzt generell nicht auf billige Schocks, sondern auf langsame, quälende Bilder, die einen zwingen, hinzusehen. Das ist für mich viel wirkungsvoller als jeder Jump‑Scare.
Der Satz „Show, don’t tell“ ist eigentlich eine der Grundregeln fürs Erzählen – egal ob im Film oder in der Literatur. Gemeint ist, dass man dem Publikum etwas zeigt, statt es ihm ständig zu erklären. Also lieber eine Szene, die durch Bilder, Handlungen oder Gestik klar macht, was los ist, als eine Figur, die es dreimal ausspricht.
Und genau da liegt für mich der Unterschied: The Ugly Stepsister traut sich, wirklich zu zeigen. Die Kamera bleibt drauf, die Musik verstärkt die Stimmung, die Schauspielerinnen und Schauspieler spielen es so, dass man es fühlt, ohne dass jemand es noch mal kommentieren muss.
Viele aktuelle Hollywood‑ oder Streaming‑Produktionen machen dagegen das Gegenteil: „Tell, don’t show“. Da wird jede Emotion erklärt, jeder Handlungsschritt wiederholt, damit auch ja niemand etwas verpasst. Das wirkt nicht nur ermüdend, sondern auch so, als würde man dem Publikum nicht zutrauen, selbst mitzudenken. Und genau deshalb war ich bei The Ugly Stepsister so positiv überrascht: Der Film vertraut darauf, dass man die Bilder versteht, und er verzichtet auf diese ständige Wiederholung. Dazu kommt, dass die Inszenierung, die Darstellung und die Besetzung um Welten besser sind als das, was Disney mit seinen glattgebügelten Märchen‑Remakes aktuell abliefert. Die Schauspielerinnen und Schauspieler spielen ihre Rollen mit einer Ernsthaftigkeit und Tiefe, die man in solchen Stoffen selten sieht. Man muss sich eben manchmal auch einfach trauen, etwas anders zu machen und genau das hat hier funktioniert.
Figuren und Handlung
Elvira, die „Ugly Stepsister“, ist die Hauptfigur (mal nicht Aschenputtel / Cinderella). Sie will den Prinzen Julian heiraten, nicht nur aus romantischen Gründen, sondern auch, um ihre Familie zu retten. Ihre Mutter Rebekka treibt sie in diese Richtung, bezahlt Schönheitsoperationen und sogar eine Anstandsschule, wo sie die Lehrerin besticht, damit Elvira besser dasteht. Gleichzeitig fehlt das Geld für die Beerdigung von Agnes’ Vater Otto – ein bitterer Kontrast, der zeigt, wie verdreht die Prioritäten sind. Alma, die jüngere Schwester, bleibt außen vor, weil sie noch nicht „marktreif“ ist, sprich: sie hat ihre Blutung nicht und fällt damit aus dem Heiratsmarkt heraus. Das ist grausam, aber es macht deutlich, wie sehr der Film die Logik des Märchens auf die Spitze treibt.
Agnes, das Aschenputtel, ist hier keine reine Heldin. Sie schläft mit dem Stallburschen, sie hat ihre eigenen Interessen, und sie wirkt oft unsympathisch. Dadurch verschiebt sich die Sympathie: Manchmal wünscht man Elvira den Prinzen, manchmal gönnt man es Agnes, und manchmal denkt man, beide hätten es nicht verdient. Der Prinz selbst ist ohnehin kein „Prince Charming“, sondern ein … naja, ich würde ihn nicht heiraten wollen. Das Ende wirkt deshalb nicht wie ein Happy End, sondern wie eine bittere Konsequenz aus all dem, was passiert ist. Während Elvira und Alma ihrer Freiheit entgegen reiten, hat Agnes den dreckigen gegen den goldenen Käfig eingetauscht. (Und nein – es ist kein Spoiler, da die Handlung sich an dem Originalmärchen entlang bewegt, also wer sonst sollte am Ende den Prinzen heiraten?)
Gesellschaftskritik und Metaphern
Für mich ist das eigentlich die große Stärke des Films: Er übertreibt die Schönheitspraktiken so sehr, dass man nach dem Ekel direkt lachen könnte, wenn es nicht so nah an der Realität wäre. Der Bandwurm, den Elvira schluckt, ist nicht nur ein groteskes Detail, sondern ein Bild dafür, wie weit Menschen gehen, um einem Ideal zu entsprechen. Die Operationen sind übertrieben, aber sie stehen für das, was heute alltäglich ist: Spritzen, Schnitte, Eingriffe, die Körper verändern, damit sie in ein Schema passen. Der Film macht daraus Horror, aber er zeigt damit nur, was ohnehin schon Realität ist. Besonders stark fand ich die Szene, in der die Bräute dem Prinzen wie Hündchen bei einer Schönheitsschau vorgestellt werden. Das ist überspitzt, aber gleichzeitig leider zu wahr. Es ist ein Kommentar auf Casting‑Shows, auf Social Media, auf den Druck, perfekt auszusehen. Der Film nimmt diese Mechanismen und macht sie so grotesk, dass man sie nicht mehr übersehen kann.
Inszenierung und Musik
Die Regisseurin Emilie Blichfeldt hat sich stark am osteuropäischen Märchenkino der 60er und 70er Jahre orientiert: düstere Kulissen, gotische Räume, viel natürliches Licht (Hier kann ich auch sehr Interviews auf youtube sowohl mit Blichfeldt als auch mit den Schauspielerinnen ans Herz legen). Das Schloss Gołuchów in Polen und die Ruine des Klosters Lubiąż geben dem Film eine Atmosphäre, die gleichzeitig märchenhaft und bedrohlich wirkt. Die Kostüme von Manon Rasmussen sind prachtvoll, fast barock, und verstärken den Kontrast zwischen äußerem Glanz und innerer Zerstörung. Auch die Musik trägt viel zur Stimmung bei. Vilde Tuv und Kaada haben einen Soundtrack geschaffen, der romantische Melodien mit verstörenden Klängen verbindet. Es gibt Momente, in denen die Musik fast zu schön wirkt für das, was man sieht, und genau dadurch entsteht ein Bruch, der die Grausamkeit noch deutlicher macht. Für mich war das ein starker Effekt: Die Bilder zeigen Schmerz, die Musik klingt nach Märchen, und zusammen ergibt das eine Atmosphäre, die einen nicht loslässt.
Fazit
Am Ende bleibt für mich ein Film, der weh tut, aber genau deshalb sehr gut funktioniert. Er ist eklig, ja, aber nicht billig. Er ist tiefgründig, ja, aber nicht trocken. Er nimmt ein bekanntes Märchen und zeigt, wie zerstörerisch Schönheitswahn und gesellschaftliche Erwartungen sein können. Und er beweist, dass man auch heute noch Filme machen kann, die nicht nur unterhalten, sondern wirklich etwas erzählen. Ich war überrascht, wie viel Tiefe hier drin steckt, und gleichzeitig habe ich die Ekelmomente ausgehalten, weil sie irgendwie dazu gehören.