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dieungebetenen
© ArtCore-Design und Wildly & Slow Photography

Louise Jensen

Die Ungebetenen

Originaltitel: The Indruders | Übersetzt von:Katja Fischer
dp Verlag (2026) | 380 Seiten
ISBN: 978-3-69090-608-1
Genre: Thriller | Altersempfehlung: ab 16
Klappentext:

Man sagte uns, wir sollten uns von dem Haus fernhalten. Man warnte uns vor seiner Vergangenheit, seinem Ruf. Doch das Angebot war zu perfekt, um es abzulehnen.
Vielleicht hätten wir doch auf die anderen hören sollen …

Ein Herrenhaus, mietfrei, im Austausch gegen simples Housesitting. Als Cass und James dieses ungewöhnliche Angebot entdecken, scheint ihr Traum zum Greifen nah. Seit Jahren sparen sie für die Anzahlung ihres eigenen Hauses. Diese Chance können sie unmöglich ausschlagen.

Doch Newington House hat eine dunkle Vergangenheit. Fast dreißig Jahre steht es bereits leer, seit bei einem Einbruch fast alle Bewohner ums Leben kamen. Doch für das Paar überwiegt die Hoffnung, sich eine Zukunft aufzubauen.

Aber ist es den Preis wert?

Kurz nach ihrem Einzug nehmen die Dinge eine unheimliche Wendung. Gegenstände verschwinden und tauchen an seltsamen Orten wieder auf, die Uhr bleibt immer zur gleichen Zeit stehen, das Haus wirkt seltsam bedrückend und manchmal haben Cass und James das Gefühl, nicht allein zu sein.

Newington House mag eine schlechte Energie und einen dunklen Ruf haben. Aber es gibt doch sicher keinen Grund, warum sich die Geschichte wiederholen sollte, oder?

Zwischen unheimlichen Ereignissen, verdrängter Geschichte und der Frage, wem sie noch trauen können, geraten Cass und James an ihre Grenzen. Düster, nervenaufreibend und psychologisch tief: ein Mysterythriller, der sich langsam unter die Haut gräbt.

Transparenzhinweis: Diese Rezension basiert auf einem kostenlos zur Verfügung gestellten Leseexemplar des Verlags.

Kurzbewertung

Handlung & Spannung:
unfassbar atmosphärisch

Idee & Originalität:
altes Haus mit dramatischer Vorgeschichte

Cover & Aufmachung:
Schaffen wir es irgendwann von diesen 100 Covern mit dem Haus und dem beleuchteten Fenster weg zu kommen? 

Charaktere & Entwicklung:
teils stark konstruiert, aber trotzdem überraschend gut

Schreibstil & Sprache:
spannend erzählt, super übersetzt

Gesamtbewertung:

Thriller haben diese wunderbare, etwas hinterhältige Fähigkeit, sich langsam unter die Haut zu graben. Sie fangen harmlos an, bauen eine Atmosphäre auf, die erst nur leicht unangenehm kribbelt und dann immer beklemmender wird – bis man plötzlich merkt, dass man mitten in der Nacht das kleine Licht anmacht, obwohl man eigentlich schon längst schlafen wollte. Genau so erging es mir bei Die Ungebetenen von Louise Jensen.

Und ja, ich gebe es zu: Wenn im Buch von „vor 30 Jahren“ die Rede ist, tickt in meinem Kopf immer noch automatisch das Jahr 1970. Dabei sind wir mittlerweile 2026 und „vor 30 Jahren“ bedeutet plötzlich 1996. Das hat mich beim Lesen ein paarmal schmunzeln lassen, vor allem bei den Band-Postern im Teenager-Zimmer – mein innerer Zeitrechner hinkt der Realität offenbar hoffnungslos hinterher. Aber genau diese kleine zeitliche Verwirrung passte irgendwie perfekt zu einem Roman, der so stark mit Erinnerung, Vergangenheit und dem spielt, was man verdrängt oder einfach nicht richtig einordnen kann.

Louise Jensen hat hier einen psychologischen Mystery-Thriller geschaffen, der weit mehr ist als eine klassische „unheimliches Haus“-Geschichte. Er verbindet Domestic Noir, Amnesie-Elemente und tiefe familiäre Traumata zu einem beklemmenden Paket, das einen bis tief in die Nacht fesselt und danach noch lange nachwirkt.

Handlung (spoilerfrei)

Cass und James, ein junges Paar Anfang 30, das erst seit sechs Monaten zusammen ist, bekommen die Chance ihres Lebens: Sie dürfen mietfrei in dem prachtvollen Newington House wohnen im Austausch gegen einfaches Housesitting. Nach Jahren des Sparens für eine eigene Wohnung scheint das der perfekte Sprung in die Unabhängigkeit zu sein. Die Warnungen der Leute, das Haus habe eine dunkle Vergangenheit und einen schlechten Ruf, schieben sie beiseite. Fast 30 Jahre steht es bereits leer, seit in einer schrecklichen Nacht bei einem Einbruch fast die gesamte Familie ausgelöscht wurde.

Doch schon kurz nach ihrem Einzug nehmen die Dinge eine unheimliche Wendung. Gegenstände verschwinden und tauchen an seltsamen Orten wieder auf, eine Uhr bleibt immer zur gleichen Zeit stehen, das Haus wirkt seltsam bedrückend, und immer wieder haben beide das Gefühl, nicht allein zu sein. Die zurückgelassenen Sachen der ermordeten Familie wie gelbe Kindergummistiefel direkt am Eingang, eingerichtete Kinderzimmer mit Puppen und Postern, verstärken die beklemmende Stimmung noch zusätzlich.

Ist es nur die schlechte Energie eines lang verlassenen Hauses? Oder wiederholt sich eine dunkle Geschichte?

Parallel zur Gegenwart gibt es Rückblenden, die die Ereignisse von vor 30 Jahren beleuchten. Der Roman spielt geschickt mit Verlustängsten, Vertrauen und der Frage, wem man wirklich glauben kann.

Charakterentwicklung

Im Zentrum stehen Cass (Cassandra) und James. Beide haben schwere Verluste hinter sich, vor allem den frühen Tod ihrer Mütter, und tragen unausgesprochene Geheimnisse mit sich herum. Cass’ Kapitel sind in der Ich-Perspektive geschrieben, was ihre innere Zerrissenheit, ihre Ängste und ihre wachsende Paranoia extrem nah und intensiv wirken lässt. James’ Abschnitte nutzen einen neutraleren, distanzierteren Erzählstil, der gut zu seiner zurückhaltenderen Persönlichkeit passt und einen interessanten Kontrast schafft.

Die Entwicklung der beiden ist einer der stärksten Aspekte des Buches. Ihre Beziehung ist noch frisch und etwas zerbrechlich, und das House-Sitting sollte eigentlich ein Neuanfang sein. Stattdessen werden alte Wunden aufgerissen: Verlustängste, Abhängigkeitsmuster, die sie von ihren Eltern übernommen haben (auch ohne sie richtig gekannt zu haben), und die Frage, wie viel man vom anderen wirklich weiß. Als Cass schwanger wird, gewinnen diese Themen noch mehr Gewicht und die Freude mischt sich mit tiefer existentieller Angst.

Auch die Figuren aus der Vergangenheit (besonders Rose und die Personen um die Familien Madley und Harvey) sind nuanciert gezeichnet. Man spürt deutlich, wie Traumata und Gewalt in Beziehungen generationenübergreifend wirken. Die Charaktere fühlen sich nie wie bloße Plot-Treiber an, sondern wie echte Menschen mit realen emotionalen Lasten.

Schreibstil / Übersetzung

Louise Jensen schreibt sehr atmosphärisch und bildhaft. Die Beschreibungen des Hauses sind so lebendig, dass man die verstaubte Luft fast riechen und die knarrenden Dielen hören kann. Besonders gelungen ist das Erzähltempo: Die Kapitel sind meist kurz und knackig, und ein cleveres Stilmittel zieht sich durch das Buch: der letzte Satz eines Kapitels wird oft im ersten Satz des nächsten aufgegriffen. Das erzeugt einen fließenden, fast hypnotischen Rhythmus und steigert die Spannung zusätzlich.

Die Rückblenden sind geschickt eingebaut und ergänzen die Gegenwart, ohne zu verwirren (auch wenn die Familienverhältnisse zwischendurch ganz schön komplex werden). Thematisch geht es um deutlich mehr als nur Grusel im Haus: Verlust, Gewalt in Beziehungen, Abhängigkeiten und wie sich all das auf die nächste Generation auswirkt. Dadurch wird der Thriller komplexer und tiefgründiger als viele andere Genre-Vertreter.

Die deutsche Übersetzung von Katja Fischer ist wirklich ausgezeichnet. Sie ist sprachlich sauber, flüssig und bewahrt die beklemmende Atmosphäre des Originals perfekt. Man merkt keine holprigen Stellen und die Übersetzung liest sich wie ein original deutscher Text.

Meinung (mit Spoilern)

Achtung: Ab hier werden wichtige Handlungselemente und Twists verraten.

Die Familienverhältnisse sind tatsächlich ziemlich vertrackt und genau das gehört zum Konzept. Cass ist die überlebende Tochter aus der Mordnacht vor 30 Jahren. Sie wurde damals als kleines Kind (ca. 3 Jahre alt) in einem Priesterloch gefunden und trägt die Narbe am Arm von den Angreifern. Die Rückblenden begleiten zunächst Rose, von der ich die ganze Zeit glaubte, sie wäre die ermordete Teenager-Tochter und wir würden erleben, wie alles passierte, doch hier werden wir einfach eines besseren belehrt!

Tatsächlich haben sich in der Vergangenheit James, von dem ich glaubte, er sei der einzige Überlebende des damaligen Blutbads gewesen, und Cass schon einmal getroffen. Durch die Enthüllungen stellt sich heraus, dass die Verbindungen noch verschlungener sind. Rose (die in den Rückblenden im Fokus steht) ist James’ Schwester. Die Rückblenden zeigen, wie die Familie Harvey in finanzielle Not gerät und Zeta (James Mutter) als ‚Kellnerin‘ bei den Madleys (Cassandras Eltern) anfängt. Und ab dort beginnt das Drama immer größer zu werden und sich Abgründe aufzutun, die besser verborgen geblieben wären.

Gegen Ende wird die Story etwas wirr und stark konstruiert – viele Verbindungen, falsche Identitäten, verdrängte Erinnerungen und Amnesie-Elemente stapeln sich. Der „Geisteraspekt“ (die unheimlichen Vorkommnisse im Haus) wird am Ende eher rational erklärt, was ich persönlich ein bisschen schade fand. Die Atmosphäre bleibt zwar stark, aber der leichte übernatürliche Hauch, der anfangs so intensiv mitschwang, wird komplett auf eine psychologische/logische Ebene heruntergeholt. Das nimmt dem Buch etwas von seinem unheimlichen Zauber.

Der Epilog liefert dann noch einen richtig starken, unerwarteten Twist, der vieles noch einmal in einem neuen Licht erscheinen lässt. Die Themen Verlustängste, transgenerationale Traumata, Gewalt in Beziehungen und Abhängigkeiten sind durchgängig stark umgesetzt. Man hofft wirklich, dass Cass und James am Ende ein eigenes, unabhängiges Leben aufbauen können – fern von all dem schweren Erbe.

Fazit

Die Ungebetenen ist ein atmosphärisch dichter Psychothriller, der besonders durch seine beklemmende Stimmung und die tiefen emotionalen Schichten überzeugt. Die langsame Aufbauweise, die wechselnden Perspektiven und das clevere Erzähltempo machen das Lesen zu einem intensiven Erlebnis.

Kleinere Kritikpunkte: Gegen Ende wird es etwas konstruiert und die eher rationale Erklärung der „Geister“-Elemente fühlt sich ein bisschen wie ein Rückzieher an. Die Familienverhältnisse erfordern beim Lesen volle Konzentration. Aber insgesamt überwiegen die Stärken bei weitem.

Für alle, die psychologische Thriller mit starker Atmosphäre, dunklen Familiengeschichten und Twists mögen, die über das Oberflächliche hinausgehen, ist dieses Buch eine klare Empfehlung. Louise Jensen hat einen Roman geschrieben, der nicht nur spannend ist, sondern auch etwas über Verlust, Vertrauen und die Last der Vergangenheit zu sagen hat.

 

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