Schreibgruppe WOBBS
Damals, jetzt und nie
Anthologie: Lost Places
Nicht alles, was verloren geht, verschwindet.
Ein welkender Wolfsburger Supermarkt weckt bittersüße Erinnerungen.
Im abrissreifen Gifhorner Krankenhaus lauern Monster.
Die gesamte Braunschweiger Innenstadt stirbt auf einen Schlag aus.
Und in der Leere zwischen den Sternen kämpft eine verlorene Seele gegen das Vergessen.
Elf Autor:innen aus Braunschweig, Wolfsburg und Umgebung gehen echten und erträumten Lost Places auf die Spur. Ihre Geschichten wecken uralte Geister, erkunden mysteriöse Tiefgaragen, prophezeien die Zukunft, tanzen im lachenden Wind und oft auf Messers Schneide.
Vergilbtes Glück und mordshungrige Gefahren lauern dort, wo wir sie allzu lange vergessen haben. Nicht verschwunden, nur verborgen unter einer trügerischen Schicht Staub.
Traust du dich, ihre Stille zu stören?
Kurzbewertung
Handlung & Spannung:
starke vereinzelte Storys
Idee & Originalität:
Lost Places bieten viel Spielraum
Cover & Aufmachung:
passend
Charaktere & Entwicklung:
in einer Anthologie schwer abbildbar (fällt nicht in die Bewertung, da es sonst unfair wäre)
Schreibstil & Sprache:
handwerklich top
Gesamtbewertung:
Die Anthologie „Damals, jetzt und nie“ versammelt elf Geschichten von Autoren aus Braunschweig, Wolfsburg und der Umgebung. Das Buch ist, passend zum Titel, klar in die drei Teile Damals, Jetzt und Nie gegliedert. Alle Texte kreisen um Lost Places sowie um verschiedene Formen des Verlorengehens – sei es persönlich, räumlich oder existentiell.
Der Schreibstil ist bei allen elf Autoren durchweg gut bis sehr gut. Jeder Text ist atmosphärisch dicht, sprachlich sauber und bildhaft. Es gibt keine wirklich schwachen Schreiber in dieser Sammlung, was bei Anthologien nicht selbstverständlich ist. Besonders positiv fällt auf, dass die Autoren die Lost Places nicht nur als Kulisse nutzen, sondern sie emotional oder thematisch stark mit den Figuren und Handlungen verknüpfen. Man muss nicht in Braunschweig oder Umgebung wohnen, um die Geschichten zu verstehen. Im Gegenteil: Viele Texte wecken Neugier und Lust, die beschriebenen Orte selbst aufzusuchen und mit eigenen Augen zu sehen.
Im Folgenden fasse ich die einzelnen Geschichten kurz zusammen und gebe meine persönlichen Eindrücke wieder (ACHTUNG; ggf. Spoiler):
Teil 1: Damals
Z wie Zucker – Nicole Kudelka Marlies fährt zu ihrer alten Arbeitsstelle, einem Supermarkt auf einem steilen Hügel in Wolfsburg. Früher arbeitete sie dort mit ihrer Freundin Eva zusammen, heute ist das Gebäude verlassen und leer. Die Geschichte erzählt viel über die Vergangenheit des Ortes, wie die beiden das große „Z“ vom Plaza-Schild geklaut haben und wie alles mit Evas Krebserkrankung endete. Eine melancholische und berührende Geschichte.
Verlorengehen – Nele Sickel Die Geschichte verwebt Märcheninterpretationen von Rotkäppchen, Hänsel und Gretel und der Schneekönigin mit Szenen in einem leeren Schwimmbad. Ein Mädchen taucht immer wieder auf und will verloren gehen. Der Text hat eine etwas gruselige Geister-Atmosphäre und ist zugleich traurig, weil es um Vergessen, Verlorengehen und Einsamkeit geht. (Für mich definitiv eine der stärksten Geschichten.)
Projekt Lazarus – Marcel Mühr Zwei Brüder brechen bei Vollmond in das alte Gifhorner Krankenhaus ein. Die Geschichte dreht sich um verbotene Experimente mit Kybernetik, Nanobots und Robotern. Ein dunkler, etwas ungewöhnlicher Science-Horror in einem klassischen Lost Place. (Hat mir persönlich aber sehr gut gefallen, da es so leichte Supernatural-Vibes hatte.)
Widerwillig verborgen! – Melanie Bähre Während eines Unwetters sucht die Protagonistin Unterschlupf in einem Haus am Park des Gefängniswalls. Das gesamte Haus und seine Bewohner wirken wie aus den 60er Jahren eingefroren. Sie wird stille Zeugin eines Mordes und merkt, dass Geister aus der Vergangenheit gefunden werden wollen. Eine klassische „verborgene Vergangenheit“-Geschichte mit gut dosiertem Grusel.
Teil 2: Jetzt
Lost City – Mailin Weder Ein männlicher Protagonist läuft bei Regen durch die Braunschweiger Innenstadt. Plötzlich ist die gesamte Stadt ausgestorben, besonders auffällig das leere Galleria-Gebäude. Die Geschichte kritisiert das Online-Shopping und das damit verbundene Sterben der Innenstädte. Sehr gegenwartsbezogen und vor allem auch gesellschaftskritisch. Vor allem ein geschicktes „um die Ecke“-Denken bezüglich des Lost Places, einfach die komplette Innenstadt leer zu fegen!
Der Geist auf dem Petrifriedhof – Cel Silen Eine Befragung auf dem Petrifriedhof im Rahmen des „Amts für Übernatürliches, Abteilung zur Verbesserung der Lebensqualität übernatürlicher Wesen, Spezialgebiet Geister“. Skurril, humorvoll und eine willkommene Abwechslung zum sonst eher düsteren Ton der Anthologie.
Unten ist es heute hell – Anastasiya Paliy Anna und zwei Kommilitonen geraten in der Tiefgarage der TU Braunschweig in ein Loch. Es folgen Schwankungen, ein Portal, Spektralkameras und forschende Geister. Mysteriös und mit wissenschaftlichem Touch. Vor allem frage ich mich jetzt aber, was es mit dieser Tiefgarage auf sich hat.
Das Löwenblut von Wolfenbüttel – Wolfgang Ten Brink Eine historisch dicht erzählte Geschichte rund um Forschungen zur Zieglerin, die zum Mühlentor in Wolfenbüttel führt. Die Figuren erhalten Informationen über eine mysteriöse Tinktur – bis plötzlich ein Atompilz explodiert. (Mir persönlich war die Handlung zum Teil ein wenig langatmig und sehr historisch angehaucht, das Ende kam dann auf einmal schlagartig überraschend.)
Teil 3: Nie
Die Leere hinter den Sternen – Tom Lücke Eine kosmische, philosophische Geschichte über Götter, die Zeit vor den Sternen und die Leere dahinter. Eine verlorene Seele kämpft gegen das Vergessen. Weit entfernt von den irdischen Lost Places, aber eine schöne Erweiterung des Themas.
Überraschung – Zoryana Paliy Eine sehr persönliche, melancholische Erzählung über die Beschreibung eines Mädchens und die Reise des Ich-Erzählers, der nie zu ihr zurückgekehrt ist. Leise und berührend.
Hutlos – Annelene Reist Eine Geschichte mit der Freundin Elise, viel Wind und Irrgeistern. Leider habe ich diese Erzählung nicht richtig verstanden. Sie blieb für mich rätselhaft und verschlossen, obwohl der Schreibstil an sich schön ist.
Fazit und generelle Anmerkungen
Insgesamt ist „Damals, jetzt und nie“ eine solide und abwechslungsreiche Anthologie. Die Stärke liegt vor allem in der durchgehend guten sprachlichen Qualität und der vielfältigen Herangehensweise an das Thema Lost Places. Die Geschichten reichen von sehr persönlich-melancholisch über klassisch gruselig und humorvoll-skurril bis hin zu historisch dicht und kosmisch-philosophisch. Diese Bandbreite macht das Buch interessant und verhindert, dass es eintönig wird.
Besonders gelungen finde ich die Texte, die echte regionale Lost Places mit echten Emotionen oder unheimlichen Elementen verbinden – allen voran „Z wie Zucker“ und „Verlorengehen“. Auch „Lost City“ und „Projekt Lazarus“ haben mich atmosphärisch gut abgeholt. Die einzige Geschichte, die mir nicht zugänglich war, ist „Hutlos“. Hier blieb mir der Sinn trotz schönem Schreibstil verschlossen.
Ein großer Pluspunkt ist, dass die Anthologie trotz regionaler Verankerung (Wolfsburg, Gifhorn, Braunschweig, Wolfenbüttel) keine reine „Heimatliteratur“ ist. Die Themen – Verlust, Vergessen, das Unsichtbare unter der Oberfläche – sind universell und funktionieren auch für Leser, die die Orte nicht kennen. Gleichzeitig wirkt das Buch wie ein stiller Aufruf, die verlassenen und vergessenen Winkel der eigenen Umgebung bewusster wahrzunehmen.
Wer Kurzgeschichten mit starkem atmosphärischem Schreibstil mag, sich für Lost Places interessiert oder einfach gute, abwechslungsreiche Unterhaltung mit leicht unheimlichem oder melancholischem Einschlag sucht, wird hier auf seine Kosten kommen. Die Sammlung zeigt schön, wie unterschiedlich man dasselbe Thema angehen kann, ohne dass die Qualität darunter leidet.